Backinthedaze.

Livin' la vida locker easy.

Kategorie: Zeitgeschehen

Das neue Jahr beginnt irgendwo zwischen radikal und liberal: Der „Hassias“ steht zur Wahl

by vic

Der erste Post im neuen Jahr. Mit diesem Wissen überkommt mich direkt ein Hauch an Verantwortungsgefühl. Ganz unkommentiert kann man den Jahreswechsel ja nun auch nicht geschehen sein lassen.

Ich denke, so im Großen und Ganzen betrachtet, können wir froh sein, 2016 hinter uns zu haben. Obgleich ich mich nicht gerade zum Kreise derer zählen würde, für die jeder Jahreswechsel einen epischen Moment darstellt, der wochenlang im Voraus akribisch geplant werden muss – obwohl niemand ernsthaft erwarten kann, dass sich wie von Zauberhand mit dem Verstreichen einer einzigen Nacht am Jahresende überhaupt irgendetwas ändert, außer dass dem ein oder anderen bei Morgengrauen ein Körperteil fehlt –, würde ich unterschreiben, dass der Mensch ab und zu mal eine solche Zäsur braucht, um neuen Mut zu schöpfen. In einer Gesellschaft, die so verkommen ist, dass sie Neologismen wie „postfaktisch“ und „Sexmob“ entwickeln musste, um das, was in ihr vorgeht, zu beschreiben, gibt es offenbar noch einiges zu tun. Eine ordentliche Prise intrinsische Neujahrsmotivation à la „Neue Runde, neues Glück“ kann da kaum schaden. Uns steht schließlich mal wieder ein Wahljahr bevor.

Gleich zu Beginn trumpft die deutsche Politik bereits mit brisanten Neuigkeiten auf. Am 4. Januar teilte Die PARTEI auf ihrer Facebook-Seite ein Interview von n-tv mit ihrem diesjährigen Kanzlerkandidaten, der seine Kandidatur am 5. Dezember 2016 in Köln offiziell verkündet hat. Mit Serdar Somuncu stellt die von Martin Sonneborn geleitete satirische PARTEI einen Repräsentanten auf, der voll und ganz ihrem Stil entspricht: intelligent, feinsinnig, ironisch, provokant.

Wir werden vielleicht gelegentlich mal in aufreizender Montur auftreten, aber unsere Sexismen beziehen sich vor allem auf unsere politischen Gegner. Da werden wir genug Angriffsfläche haben. Frauke Poetry. Andreas Merkel, Comtessa Beatrice von Strolch…

Auf seinem Programm stehen u.a. die „verpflichtende Homo-Ehe“, eine „Kopftuchpflicht auch für Männer“ sowie ein „Internetverbot für Asoziale“, wie der designierte Kanzlerkandidat im Gespräch mit rap.de proklamiert. Auf die Frage der n-tv Redakteurin Judith Görs, was Serdar Somuncu und die PARTEI hinsichtlich ihrer provokanten Äußerungen denn eigentlich von der AfD unterscheide, antwortet er in gewohnter Schelmenmanier, er sei „noch populistischer und auch polemischer“. Tatsächlich hat er laut eigener Aussage Vertreter der AfD in seine Talkshow („So!Muncu“) eingeladen, welche allesamt nicht erschienen.

Auch das ist im Übrigen die Aufgabe dieses Hybrids aus Satire und Politik, den wir geschaffen haben: Debatten anzustoßen, damit daraus Politik entsteht.

In der AfD stieß man dagegen lieber Justizfälle an: sie verklagte Serdar Somuncu im vergangenen Jahr – wegen „Volksverhetzung“. Auch sonst hat der Mann offenbar nicht nur Freunde, wie die eigens eingerichtete, auf ein beachtliches Maß angewachsene „Klagemauer“ auf seiner Website somuncu.de unter Beweis stellt. Erst kürzlich wurde außerdem eine weitere Klage gegen ihn eingereicht, dieses Mal vonseiten des WDR, im Speziellen einer Redakteurin, auf „schwere Beleidigung“. Diskutiert wird nun laut F.A.Z., ob sein Pöbel-Kommentar in Richtung WDR-Redaktion während einer Podiumsdiskussion der Körber-Stiftung im Jahr 2015 („Diese Arschlöcher nehmen sich raus, im Namen der Gebührenzahler, uns zu zensieren. Und das war für mich die Keimzelle des Faschismus.“) aufgrund seiner Rolle als Satiriker anders zu bewerten sei als beispielsweise die Äußerungen eines Journalisten. Dass Satiriker keine Narrenfreiheit mehr genießen, ist mittlerweile ja nichts Neues. Dass sie sich gerade dann zu verantworten haben, wenn es um Pressefreiheit geht, leider auch nicht.

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Scharf, schärfer, ß: Bahn frei für das große Eszett

by Kilian

Am vergangenen Donnerstag reichte der Rat für deutsche Rechtschreibung seinen dritten Report bei der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder ein, welcher zwei Vorschläge für Modifikationen des Regelwerks der offiziellen deutschen Rechtschreibung beinhaltet, die nun auf die Freigabe durch die staatlichen Entitäten warten: Auf der einen Seite diverse marginale Veränderungen in der Klein- und Großschreibung von Adjektiv-Substantiv-Kombinationen und auf der anderen Seite so etwas wie ein kleiner Meilenstein. Es geht um nicht weniger als die Verankerung des Eszett-Großbuchstabens in die amtliche deutsche Rechtschreibung – ein Unterfangen, welches immerhin schon über 100 Jahre (auch schon vor 1919) für seine Umsetzung braucht:

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/// Auszug aus dem Duden (1919) | Bild via typografie.info

Im Jahr 2005 musste Dr. Kerstin Güthert vom Rechtschreibrat auf eine diesbezügliche Anfrage von Thomas Landsgesell noch antworten, dass man den Bedarf und Nutzen des Zeichens sehr wohl sieht, aber den Buchstaben selbst nicht »erfinden« könne. Dazu bedürfe es »einer Initiative der Schreibgemeinschaft«. Und so kam es.

Manch einer wird nun fragen: Warum? Ein anderer vielleicht: Warum erst jetzt? Die Antwort liefert die offizielle Begründung aus dem Bericht des Rates für deutsche Rechtschreibung:

Mit dem Vorschlag, bei Schreibung mit Großbuchstaben den Großbuchstaben <ẞ> neben der Ersatzschreibung <SS> zuzulassen, soll eine mit dem Schriftbild besser zu vereinbarende Lösung angeboten werden, als es die zurzeit praktizierte Behelfslösung darstellt, die den Kleinbuchstaben <ß> inmitten von Großbuchstaben setzt.

Kurzum geht es darum, endlich sowohl das Zeichen als auch die Verwendung des großen ß innerhalb der amtlichen deutschen Rechtschreibung offiziell zu etablieren und so ein Schriftbild zu schaffen, in dem jeder Buchstabe sowohl als Klein- als auch als Großbuchstabe auftaucht und benutzt wird. Unterstützung bekommen die Antragsteller hierbei unter anderem vom Goethe-Institut und dem Bildungsministerium unseres Nachbarlandes Österreich. Ausstehend ist demnach nur noch die finale Bestätigung durch die Kultusministerkonferenz, welche damit nach über 100 Jahren einen immer wieder adressierten Schönheitsfehler der deutschen Sprache der Vergangenheit angehören lassen kann.

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via Design made in GermanyTypografie.info

Bild 2: Screenshot

 

Hobbys sind Hobbys: Bundesverfassungsgericht kippt rigiden Schutz stiller Feiertage

by Kilian

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Manchmal möchte man meinen, man müsse die metaphorische Flinte doch noch nicht ins Korn werfen, wenn sich juristisch, politisch oder sozial ausnahmsweise mal wieder etwas tut, was mit gesundem Menschenverstand, Aufklärung und der Tatsache, dass wir im 21. Jahrhundert leben, tatsächlich vereinbar ist. Besonders die Kirche und ihre verlängerten Arme wie die CSU oder der Arbeitskreis Päderasten mit Lehrauftrag e.V. glänzten in der Vergangenheit immer wieder damit, die Dinge doch lieber so zu lassen, wie sie sind, doch die Karlsruher Bundesrichter konnten mit dem rechtskräftigen Urteil vom 31. November 2016 immerhin einen Etappensieg für des Denkens fähige Menschen erstreiten, indem sie einer Verfassungsbeschwerde des säkularen, laizistischen Bundes für Geistesfreiheit (BfG) stattgaben und den ausnahmslosen Schutz stiller Feiertage in Bayern und Deutschland für verfassungswidrig erklärte.

Die Geschichte entwickelte sich, beginnend im Jahre des Herrn 2007, wie folgt:

Um die bayerische Regelung gerichtlich prüfen zu lassen, hatte die Gruppierung am Karfreitag 2007 eine Veranstaltung in einem Münchner Theater organisiert.

Die zum Abschluss geplante „Heidenspaß-Party“ wurde – wie abzusehen war – untersagt. Zu Unrecht, sagt nun das Verfassungsgericht. Zwar darf der Karfreitag als „stiller Tag“ laut Beschluss besonders geschützt werden. Jede Befreiungsmöglichkeit von vorneherein auszuschließen, sei aber unverhältnismäßig (Az. 1 BvR 458/10).

Zu den stillen Feiertagen, welche im Land der Bayern besonderen Schutz genießen – bei den deutschen Rekordfeiertaggenießern in meiner Heimat sind es derer neun – zählen unter anderem Allerheiligen, der Totensonntag oder eben der Karfreitag. Für diesen gilt, beziehungsweise galt, ein ausnahmsloses Verbot „jede[r] Art von Musikdarbietung in Räumen mit Schankbetrieb“ – Betonung auf der Vergangenheitsform, denn exakt diese Ausnahmslosigkeit wurde nun vom Bundesverfassungsgericht negiert.

Die striktesten Regeln gelten für den Karfreitag. Dann sind auch Sportveranstaltungen und „musikalische Darbietungen jeder Art“ „in Räumen mit Schankbetrieb“ verboten. Für die anderen Tage sind Ausnahmegenehmigungen möglich, „nicht jedoch für den Karfreitag“.

Es sei zwar grundsätzlich gerechtfertigt, für bestimmte, auch christliche Feiertage einen „qualifizierten Ruheschutz“ zu schaffen, heißt es in dem Beschluss. Gar keine Ausnahmen zuzulassen, sei aber mit der Weltanschauungs- und Versammlungsfreiheit unvereinbar.

Wer jetzt meint, kommendes Jahr in der Nacht zum 14. April irgendwo in der bajuwarischen Pampa ordentlich mit einer „Cannibal Corpse meets Perc“-Grindcore-Techno-Avantgarde-Disko die Puppen tanzen zu lassen, sollte sich allerdings nicht zu früh freuen: Die betroffene Abschlussparty des Events „Religionsfreie Zone München 2007“ hätte zwar zugelassen werden müssen, da sie nicht von rein hedonistischen oder kommerziellen Interessen der Veranstalter getragen wurde, allerdings hat diese auch, so die Meinung der Richter, die öffentliche Meinungsbildung und Weltanschauungen tangiert – es wird also auch in Zukunft bei weitem nicht jede Party an stillen Feiertagen erlaubt werden.

Sei dies, wie es will, jeder Schritt, der Macht und Einfluss von Staat und Kirche auf das Leben privater Bürger eindämmt, ist einer in die richtige Richtung. 

via Berliner Morgenpost

Die Party ist zu Ende: Jan Böhmermann zur Zukunft des Neo Magazin Royale

by Kilian

Man möchte nichts anderes, als gemütlich am Freitagmittag in Richtung Wochenende zu schliddern, da kommt über den digitalen Äther der mediale Aufreger der Woche rein: Jan Böhmermann, von meiner Wenigkeit höchst respektierter und verehrter Moderator des Neo Magazin Royale bei ZDFneo, zieht die Reißleine.

In einem etwas über sieben Minuten langen Video, betitelt mit „Macht doch Euren Scheiß alleine! So geht es nicht weiter!„, wendet sich der Moderator und Satiriker an das Internet und gibt eine leidenschaftliche, mit diversen direkten Spitzen gegen Mitarbeiter und Redaktion gefüllte Chronik der Zustände beim Neo Magazin Royale, in der Bildundtonfabrik (btf) und im Studio König in Köln-Ehrenfeld. Das Video wurde über seinen privaten YouTube-Channel am Freitagmittag veröffentlicht und der blasse, dünne Junge aus Bremen-Vegesack illustrierte die Situation bei Twitter noch weiter in Wort und Bild. Bereits am Morgen kündigte er an, dass heute der Knüppel aus dem Sack gelassen werden würde:

 

Ohne dem Video zu viel vorweg nehmen zu wollen, fehlt dem Moderator und Chefredakteur schlicht und ergreifend in seinem eigenen Stall die nötige Seriösität und Ambition, wenn es darum geht, in einem Medium, in dem Quote alles ist, bei einem öffentlich-rechtlichen Sender und in einer Sparte, in der die Konkurrenz ob der werberelevanten Zielgruppe gnadenlos sein dürfte, gutes Fernsehen zu machen. Darüber hinaus sehen die Mitarbeiter die wöchentliche Ausstrahlung offenbar Mal um Mal als Grund zu exzessivem Feiern, was in zu erwartender Sauberkeit der Räumlichkeiten und in Unmut bei Böhmi Böhmermann resultiert.

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Nicht nur für mich, sondern wohl das gesamte Internet kam das überraschender als eine Torte für Beatrix von Storch. Ich wollte eigentlich ein paar Hip-Hop-Gems droppen, bevor meine Eltern anreisen, aber war wohl nix. Zwar ist mir persönlich durchaus aufgefallen, dass die Konstanz in der Qualität durchaus ein Problemchen des Neo Magazin Royale war, welche aber oft genug durch absolute Highlights der Qualitätsunterhaltung relativiert wurden. Man denke da nur beispielsweise an Höhenflüge wie Varoufake – zugegeben, ein „One of a kind“-Coup – im Gegensatz zu solch qualvolle Lückenfüller wie den „Selfie deines Lebens.“ Warum nicht mal wieder das „Digitale Quartett“ die Metaebene von Offline und Online durchbrechen lassen?

Ich persönlich bin eindeutig #TeamBöhmi, was das angeht, da ich nicht nur durch seine Sendung, doch vor allem auch durch „Sanft & Sorgfältig“ (R.I.P.) seine Denke kennen gelernt habe und ich der Meinung bin, dass er diesen Schritt nicht gehen würde, wenn er ihn nicht für absolut notwendig erachten würde. Mag sein, dass er einiges überdramatisiert, es wird sich zeigen, wie die Sache weitergeht, aber er sagt auch viel Wichtiges und offenbar Richtiges in seiner State Of The Program Address ans Zweite Deutsche Internet. Hier findet ihr das Video in voller Länge, bildet euch eure eigene Meinung. Ich bin und bleibe Fan!

via @janboehm (Twitter)

404 Freiräume not found: Das HER DAMIT, Prora und wie es weitergeht

by Kilian

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/// „Prora“ (2008) von Hans Kundnani via Flickr

„Ein Gespenst geht um in Europa. Das Gespenst der Gentrifizierung.“: Das HER DAMIT 2016, welches wir in diesem Jahr für euch begleiten, wird voraussichtlich das letzte Festival am einmaligen Standort Prora sein. Der Grund? Ihr habt es erraten. Mit Flaute in der Kasse des Landkreises Vorpommern-Rügen auf der einen und anlagegeilen Investoren auf der anderen Seite scheint man in Prora jungen, kreativen und öffentlichen Freiräumen bye-bye und Porsche Panameras mit Münchner Kennzeichen hallo zu sagen. „Auch wenn die Veranstalter in jedem Fall weiter machen wollen und sich von nun an nach einer neuen Location umsehen, ist davon auszugehen, dass HER DAMIT 2016 das letzte Festival in Prora – eingebettet zwischen Kiefernwäldern, geschichtsträchtigen Mauern und Ostseestrand – sein wird“, heißt es in einer Pressemitteilung. 

Das Gespenst, welches immer stärker auch in Deutschland um sich greift und dessen Indikatoren meist belächelnd mit veganen Cafés, Latte-Macchiato-Müttern und Schwabylon angegeben werden, welches allerdings auch Auswüchse gebiert, die dem Individuum die hässliche Fratze des Kapitalismus zeigen, ist die vielbesungene Gentrifizierung. Doch was heißt das eigentlich?

Abgeleitet vom englischen Ausdruck „gentry“ (= niederer Adel) wird [der Begriff Gentrifizierung] seither zur Charakterisierung von Veränderungsprozessen in Stadtvierteln verwendet und beschreibt den Wechsel von einer statusniedrigeren zu einer statushöheren (finanzkräftigeren) Bewohnerschaft, der oft mit einer baulichen Aufwertung, Veränderungen der Eigentümerstruktur und steigenden Mietpreisen einhergeht.

(Deutsches Institut für Urbanistik, 2011)

Wenn man als halbwegs aufmerksames Individuum einigermaßen ehrlich zu sich selbst ist, kommt man nicht umhin, sich einzugestehen, dass dieser Prozess, so schleichend er sich auch gestalten mag, in bundesdeutschen Klein- bis Großstädten schon in vollem Gange ist. Man wird nicht lange nachdenken müssen, wann das letzte Mal ein kleiner, alteingesessener, inhabergeführter Herrenausstatter seine Pforten schließen musste, nur damit selbige drei Monate später von Menschen, die mit einem verächtlich ausgespuckten „Kunden“ noch milde umschrieben sind, bei der Eröffnung eines Dunkin‘ Donuts wieder eingerannt werden können. Die Dichotomie aus niedrigem Ausgangsstatus einer Gegend und den damit einhergehenden kleinen Läden, Cafés, Metzgereien, Bäckereien – was einem Viertel ja durchaus Charme verleihen könnte, möchte man meinen – gegen die Situation nach „erfolgreich“ abgeschlossener Gentrifizierung ist in diesem Beispiel fast beliebig austauschbar: Die Innenstädte sind mittlerweile komplett durchkommerzialisiert und in diesem Sinne erschlossen, doch innenstadtnahe Gebiete sind prädestiniert dafür, erobert zu werden. In der Vergangenheit war Suburbanisierung lange in der Stadtentwicklung vorherrschend, also die Herausbildung von Vorstädten, das Abwandern von Einwohnern und Betrieben, Geschäften etc. aus den Stadtzentren heraus. Diese und ihre Anrainerviertel verlieren daher mit der Zeit an Attraktivität und Wert, Studenten, Künstler, Kreative beziehen den günstigen Wohnraum, zack, feddich ist das Szeneviertel.

Dieses wird durch eine trend- und konsumorientierte, kaufkräftige Käuferschicht natürlich wieder für Investoren interessant, die ihr Stück vom hippen Kuchen abhaben wollen. Die Mieten steigen, die Studenten werden weniger, junge Eltern entdecken die neue Gegend für sich, Birkenstocks und Jack-Wolfskin-Jacken grassieren. Alle haben einen Job, zwei Kinder (Daenerys-Maccaroni und Abraham-Yeezus, zwei und vier Jahre), ein festes Einkommen und so gar keinen Bock auf Sterni für 40 Cent und Druffis an der Bushaltestelle. Die Clubs, Bars, Studios, Ateliers etc. werden weniger, es wird gesittet. So wird aus alten Gründerzeitbauten schon einmal ein Primark, ein unbebautes Grundstück, das zwar kein Geld, dafür der Bevölkerung eine kostenlose Frei- und Grünfläche brachte, verwandelt sich in Eigentumswohnungen oder eine Mall und statt dem kleinen Feinbäcker holt man seine Croissants bequem bei REWE To Go. Auf einmal freuen sich alle, in was für einem schönen, sauberen Viertel mit erstaunlich vielen schönen, weißen Menschen aus der Mittelschicht man doch lebt und wie viel besser das doch jetzt ist. Und dann schaut man schnell auf den hippsten Untergrund-Stadtblog, um sich im nächsten hippen Viertel einen Riesling-Sriracha-Wurstwasser-Cuvée in dieser freaky Studenten- und Künstlerbar zu holen und sich jung und urban zu fühlen. Oh, the irony.

Naja, ich sollte wohl zum Punkt kommen. Nun hat es also auch Prora erwischt, die Location des HER DAMIT Festivals, welches vom 27. bis 29 Mai diesen Jahres auf Rügen stattfindet: Prora, Prora, irgendwie schonmal gehört, doch auf Anhieb wissen die meisten nicht ganz genau, was hinter diesem Begriff steckt.

In der Anlage des als „Koloss von Rügen“ bekannt gewordenen geplanten „KdF-Seebades Rügen“ in Prora befindet sich das Dokumentationszentrum Prora. Prora gehört zum Ostseebad Binz und liegt an der Prorer Wiek, der schönsten Bucht der Insel Rügen. Hier wurde die etwa 4,5 km lange Anlage im Auftrag der „NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude“ zwischen 1936 und 1939 gebaut und zu großen Teilen auch vollendet.

(Dokumentationszentrum Prora)

In diesem KdF-Badeort sollten bis zu 20 000 Menschen gleichzeitig Urlaub machen können, als Befriedungsmaßnahme für die im Zuge der Machtergreifung zerschlagenen Gewerkschaften und Arbeiterorganisationen. Das Individuum sollte sich hier in der Masse verlieren – Gleichschaltung, you know – und, eingebettet in die Volksgemeinschaft, entspannt am Ostseestrand planschen. Doch spätestens ab 1939 wurde jeder Arbeiter und jeder Mann für Hitlers Kriegswirtschaft gebraucht und der Bau wurde unterbrochen. Mit seinen viereinhalb Kilometern Länge demonstriert der Koloss von Prora eindrucksvoll und mahnend die Megalomanie der Nazis. Zum Ende des Zweiten Weltkrieges nutzte man die Proraer Anlagen als Flüchtlingslager, Ende des Jahres 1945 wurden die nutzbaren Gebäude für sowjetische Truppen verwendet. Von 1956 bis 1990 waren militärische Schulräume der Nationalen Volksarmee der DDR im Koloss untergebracht. Bis 1991 war das Gelände des ehemaligen Seebades militärisches Sperrgebiet, bis es im Zuge der Wende an die Bundeswehr übergeben wurde, welche 1991 die Nutzung des Standortes aufgab.

Nachdem der Komplex 1991 in den Besitz des Bundesrepublik Deutschland überging und 1992 unter Denkmalschutz gestellt wurde, bemühte man sich seither, die über achtzig Jahre alten Bauten kommerziell nutzbar zu machen. Hier standen Investoren, Anleger und Immobilienplaner natürlich sofort und seither Gewehr bei Fuß – doch bei Weitem nicht zur Freude aller:

Nur Block V gehört noch dem Landkreis Vorpommern-Rügen. Die eine Hälfte wird von der Jugendherberge belegt, die andere Hälfte ist noch unsaniert. Nach Auffassung des Landes Mecklenburg-Vorpommern „ideale Bedingungen für die Aufnahme eines Zentrums, in dem die Geschichte Proras dokumentiert wird und in dem vor allem junge Menschen sich mit dieser Geschichte auseinandersetzen und ihren Standpunkt erarbeiten können.“ Die Pläne, ein solches Zentrum einzurichten, liegen zwar seit vielen Jahren in der Schublade, doch eine konkrete Umsetzung ist in weiter Ferne. Es scheitert vor allem am Geld: Weder der Landkreis noch das Land haben sich bislang bereit erklärt, maßgeblich in die Sanierung und den Aufbau eines solchen Zentrums zu investieren.

(Kuch, 2015)

Und das bringt uns ins Jahr 2016: Auch der letzte in öffentlicher Hand verbliebene Block Proras wird allem Anschein nach in absehbarer Zukunft verkauft. Nichts mehr mit dem mahnenden, schrecklichen, aber doch majestätischen Anblick der Anlage, weiter geht es mit Ferienwohnungen mit Glasbalkons und Blick zum Meer, Familienvans und langsamem Vergessen der Geschichte und des eigenen schlechten Gewissens. Capitalism is not your friend.

Also lasst uns vom 27. bis 29. Mai noch einmal gemeinsam feiern: Wir werden dort sein, mit großen Kinderaugen und schmerzenden Beinen den Rügener Sonnenaufgang genießen und uns mit dem schönen Leben vollsaugen. Auch, wenn es das letzte Mal sein sollte.

Tickets für’s HER DAMIT 2016 bekommt ihr genau hier – wir sehen uns im Mai!

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America’s back mole: John Oliver über Donald Trump

by Kilian

Der amerikanische Vorwahlzirkus zur Nominierung der Präsidentschaftskandidaten, die dann eigentlich erst den wirklichen Wahlkampf starten, ist alle vier Jahre nicht nur für den gemeinen Europäer ein schwer zu durchschauendes Dickicht aus Wahlwerbespots, Debatten, verbalen Entgleisungen, Experten und „Experten“, viel zu viel Geld und Megalomanie auf Seiten der Kandidaten. Nein, auch zahlreichen US-Amerikanern muss regelmäßig erläutert werden, wie, warum, für wen und für wen auf keinen Fall sie ihre Stimme abgeben sollten und auch der Wahlkampf 2015/2016 ist hier keine Ausnahme – besonders das Auftauchen und bisher überraschende Abschneiden der Non-Establishment-Kandidaten wie Bernie Sanders bei den Demokraten oder dem texanischen Fall für die Geschlossene, Ted Cruz, bei den Republikanern bedingt, dass man sich die um die Stimmen Buhlenden ein wenig genauer ansieht.

Genau das hat John Oliver, genialer, innovativer und entzückend britischer Host von „Last Week Tonight“ auf HBO, nun mit dem sprichwörtlichen Elefanten im Raum getan: Donald Trump. Der New Yorker Milliardär mit Napoleonkomplex polarisiert in den USA (nicht nur) zur Zeit wie kein Zweiter, seit er sich in den Kopf gesetzt hat, das Weiße Haus zu beziehen, eine Mauer an der US-Südgrenze zu Mexiko zu bauen, welche die Mexikaner bauen und für die sie bezahlen werden oder die Familien von IS-Mitgliedern zu attackieren. Boy, it’s a merry good time in the good ol‘ US of A.

Über den minimalen politischen Tiefgang des Immobilieninvestors und seinen puren, schlecht versteckten Populismus herrscht in jedem aufgeklärten Gehirn zwischen Seattle und Kaufbeuren Einigkeit, dennoch schadet es bekanntlich nie, einen Politiker – oder einen, der es werden will – auf den dampfenden Haufen Exkremente festzunageln, den dieser so von sich gibt. Und wohl kaum einer der verbliebenen Kandidaten des US-amerikanischen Präsidentschaftsrennens bietet eine so breite und schlecht frisierte Angriffsfläche wie der New Yorker, dessen Äußerungen zu Abtreibung, Refugees, Syrien, ISIS, Frauen oder praktisch jedem anderen Thema seit Monaten jedem rational denkenden Menschen morgens das Frühstück versauen. Seien es nun also seine markanten, wenig durchdachten Reden, seine impulsiven, nicht minder wenig durchdachten Tweets oder seine Politik, die durch die endgültige Überwindung echter Inhalte auch das ZK der Partei Die PARTEI glücklich machen dürfte – John Oliver erklärt gewohnt treffsicher in knapp 20 Minuten alles, was man zum größten zeitgenössischen Brüllaffen der amerikanischen Politik wissen muss.

(Direktlink)

Deutschland, du Fotze: Jan Böhmermann gewinnt (mal wieder)

by Kilian

Till Schweiger ist an und für sich eine Person, der ich auf dieser Plattform kein Wort mehr als nötig widmen möchte. Mittelmäßiger Schauspieler, überbewertete Medienperson, Rechtschreibung eines Grundschülers – aber immerhin beachtet er sich selber als intellektuell.

Miserable cineastische Leistungen hin oder her: Heute startet, in der großen Tradition der öffentlich-rechtlichen Medienanstalten, revolutionäre Ideen zu haben, der Tatort „Tschiller: Off Duty“ als abschließender Teil eines Opus Malum mit Herrn Schweiger in der Hauptrolle in den deutschen Kinos. Ich kann mir wenig vorstellen, auf das ich eher verzichten könnte. Nur mit einer Sonnenbrille und einem Tropfen Parfüm hinter den Ohren bekleidet auf Acid am Royal Ascot teilnehmen vielleicht. Obwohl das, wenn man dem Gedanken eine Minute Zeit gibt, schon ganz witzig klingt und – so man denn solange Lust auf Pferderennen mit geöffnetem dritten Auge hat – im Vergleich mit dem Film sicherlich um einiges interessantere 134 Minuten (sic!) werden.

Mein Digitalsparten-Bruder im Geiste Jan Böhmermann (dessen zentrales Werk „Anleger frei“ jeder gesehen haben sollte, der etwas auf sich hält), der ebenfalls nicht der größte Fan des Freiburger Intellektuellen ist, nutzt einmal wieder die Gunst der Stunde und widmet sich mit gekonnten Spitzen den brennenden Fragen der Zeit. Was mit den Flüchtlingen anstellen? Was mit der AfD? Soll an der Grenze auf Till Schweiger und seine Kinder, oder doch nur auf Frauen geschossen werden?

Fragen über Fragen, die der Voltaire Vegesacks zusammen mit seinem Team zu beantworten weiß. Der brandneue, actiongeladene Trailer macht auf jeden Fall Laune auf die neue Staffel des Neo Magazin Royale, welche heute Abend mit Sarah Kuttner als Gast (Gästin? Ich möchte ja nicht misgendern.) im Zweiten Deutschen Internet und bei ZDFneo startet. In diesem Sinne: Open your hearts and minds for Jan Böhmermann in „Deutschland: Off Duty„!

via Werben & Verkaufen

Im Osten nichts Neues? Sagt hallo zum HER DAMIT 2016!

by Kilian

In den Tiefen der winterlichen Prüfungsphase scheint so manchem Studenten – den Autor dieser Zeilen inklusive – nicht nur ein Aufwärtstrend der Temperaturen, sondern Musikbegeisterten auch besonders die Festivalsaison im anstehenden Sommer so etwas wie das gleißende Licht zu sein, auf das sich die ganze Chose mit diesem 2016 hinbewegt. Wer schwelgt nicht ohnehin, unabhängig der Jahreszeit, gerne in Festivalerinnerungen? Von großen Institutionen des Games bis zum Geheim-Tipp – wer musikalisch etwas auf sich hält, sollte beides auf jeden Fall einmal mitgemacht haben. In Zeiten fortschreitender Kommerzialisierung und eines sich abzeichnenden Qualitätsverfalls bei hier nicht weiter definierten Größen der sommerlichen Musikbespaßung ist die Suche nach dem neuen Lieblingswochenende für manch einen gar nicht so einfach. Ob es in diesem Fall so weit gehen sollte, zeigt für Backinthedaze. erst der Mai, aber eine Kennenlernrunde und die Aufmerksamkeit der lieben Leserschaft ist unser heutiger Kandidat auf jeden Fall wert.

Her mit dem schönen Leben! Unter diesem Titel feierte das Festival 2014 in Prora auf Rügen Premiere und bewies auch im vergangenen Jahr (unter neuem Titel und mit verändertem Team) als HER DAMIT mit Acts wie Oskar Offermann & Edward, Andrea, Job Jobse, Stenny, Dario Zenker oder Levon Vincent schon einmal ordentlich Geschmack. Die Festival-Location, die, eingebettet zwischen Wald und Strand – eine Vorstellung, die jedem, der sich, wie der Autor, bereits auf den kommenden Mai freuen darf, einen wohligen Schauer den Rücken hinunter jagen dürfte – zum idyllisch-exzessiven Tanzen und Feiern einlädt, ist auf jeden Fall ein dicker Pluspunkt und ein echter Grund für jetzt schon unruhige Füße. Das Aftermovie der vergangenen Ausgabe des HER DAMIT hat die schöne Kombination aus imposanten, geschichtsträchtigen KdF- und DDR-Prestigebauten, Ostseebrise und elektronischer Ekstase zweifellos ganz wunderbar eingefangen:

Bilder, die definitiv Lust auf mehr machen! Backinthedaze. wird – s/o an das Team vom HER DAMIT, vielen Dank! – in diesem Jahr, vom 27. – 29. Mai in Prora auf Rügen live für euch vor Ort sein und unser Möglichstes tun, alle Details dieser schon allein den Bewegtbildern nach besonderen, ganz eigenen Atmosphäre einzufangen und danach in Worte zu fassen.

Falls Bedarf für weitere Infos, Details zur sehr interessanten „doppelten“ Geschichte, Bildern und Impressionen aus dem vergangenen Jahr oder natürlich Tickets besteht, findet ihr das alles auf der offiziellen Festivalwebsite:

www.herdamitfestival.com

Und ganz nach dem Motto „save the best for last“, hier noch das vollständige Line-Up für das HER DAMIT 2016 – für jeden Geschmack etwas und natürlich auch für den Geschmack des Autors einige echte Schmankerl dabei. Angefangen von A wie Ateq bis über K wie Kobosil bis V wie Vril (live), erweitert durch Global Player wie DVS1 oder Recondite (live) und dazu noch eine schöne Portion Leipzig mit Manamana, Perm (live), Steffen Bennemann und Credit 00: Das Line-Up kann sich sehen lassen! Floorfreude!

ABDRE | ATEQ | BAMBOUNOU | BERG | CINDY LOOPER | CINTHIE | COMMON SENSE PEOPLE (KONSTANTIN SIBOLD & LEIF MÜLLER) | CREDIT 00 DANIELA LA LUZ | DVS1 | ELISABETH | EPIKUR | EROBIQUE | HELGE MISOF  HIVER | JOHANNA KNUTSSON | JONAS LANDWEHR | KARENN LIVE
KARIM | KOBOSIL | LEO KÜCHLER | LETON | MANAMANA | MARCUS WORGULL | MEGGY | ND_BAUMECKER | PERM LIVE | RECONDITE LIVE | REGEN | RNDM | SANDRIEN | SOMEWHEN LIVE | STEFFEN BENNEMANN | STEREOSCOPE | TIJANA T | URBANOWSKI | UTA | VRIL LIVE

Fotos: © Nadia Cortellesi / www.naadiaa.cc

Zeig dem Winter die warme Schulter: One Warm Winter geht in eine neue Runde

by Kilian

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Der seit dem Jahreswechsel hier andauernden Funkstille wird endlich ein Ende gesetzt: An dieser Stelle nochmal allen Lesern und solchen, die es werden wollen, ein frohes Neues und s/o an 2015, ging schon klar! Jetzt aber bitte ein bisschen schneller, einmal durch die Prüfungsphase und ein bisschen Frühling, bitte, danke.

Womit wir auch gleich beim Thema wären: Nur, weil jetzt die Silvesterkater mittlerweile abgeklungen und die Serotoninspeicher wieder aufgefüllt sind, heißt das nicht, dass der Winter sich momentan in vielen Teilen der Republik permanent von seiner Schokoladenseite zeigen würde. Ganz im Gegenteil – wer schon einmal im Winter eine Nacht im Auto oder gar im Freien verbracht hat, weiß, das damit nicht zu spaßen ist.

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Nichtsdestotrotz ist eben das laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) für 39 000 Menschen in Deutschland traurige Realität, welche als obdachlos gelten. Doch die Zahl der tatsächlich Wohnungslosen, wozu auch Menschen in Notunterkünften und Wohnheimen sowie Asylbewerber und Refugees zählen, wird von der BAGW noch weitaus höher eingeschätzt, mit einem Trend, der nichts Gutes verheißt – bis 2018 wird die Zahl ihren Schätzungen nach von 335 000 im Jahr 2014 auf 540 000 ansteigen.

Man muss sich immer wieder vor Augen führen, dass Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen auf der Straße leben (müssen) und sich die Zahl derer, die dies aus eigener Entscheidung tun, sicherlich massiv in Grenzen hält. Aus unglücklichen Umständen werden in Zeiten von steigenden Mieten, Gentrifizierung und mangelndem sozialen Wohnraum ganz schnell noch unglücklichere Umstände und diese Menschen sind wirklich auf jede Hilfe angewiesen.

Daher ist es schön, dass mit „One Warm Winter – Das Leben ist kein U-Bahnhof“, einer gemeinsamen Aktion der DOJO Werbeagentur mit der sozialen Berliner Straßenzeitung strassenfeger, eine wirklich gute Aktion auch 2016 in eine neue Runde geht. Denn wie bereits erwähnt, fehlt es in Deutschland tausenden Menschen in den kalten Wintermonaten an warmer Kleidung und einem Dach über dem Kopf. Bereits im sechsten Jahr widmet sich One Warm Winter daher dem Ziel, allen ohne festes Zuhause – in diesem Jahr selbstverständlich auch allen Refugees und Asylsuchenden – ihre Hilfe zukommen zu lassen. Den Rest des Beitrags lesen »

Let’s Play: Civil War #LE1212

by Kilian

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Normalerweise bin ich ja darum bemüht, Themen, Anreize, Musik oder Sonstiges, was mich zum Schreiben bewegt, relativ zeitnah nach dem Musenkuss auf das digitale Papier zu bringen, doch nachdem aus verschiedensten Richtungen in den vergangenen 72 Stunden schon wieder eine Menge Stumpfsinn zu den Ereignissen des vergangenen Samstages in der Leipziger Südvorstadt durch die verschiedensten Kanäle gejagt wurde, wäre mir die Lust auf einen Nachbericht zu diesem konkreten Thema beinahe vergangen. Aber eben nur beinahe.

Für den Samstag des vergangenen Wochenendes waren Demonstrationen dreier rechtsextremer Gruppen im Stadtteil Connewitz im Leipziger Süden angemeldet: Die tiefbraune Splitterpartei DIE RECHTE – Originalität, quo vadis? – das PEGIDA-Derivat THÜGIDA und die „Offensive für Deutschland“ wollten mit ihrem Sternmarsch durch den traditionell linken Kiez der Messestadt bewusst provozieren und laut eigener Aussage „Connewitz in Schutt und Asche legen.“  Entsprechender demokratischer und korrespondierend dazu auch weniger systemkonformer Protest formte sich in der linken Enklave Sachsens sehr zügig und an alle, die den in großer Zahl erwarteten Brownies (angemeldet waren drei Mal 400 Personen) etwas zu sagen hatten, ging eine herzliche Einladung zur „Weihnachtsfeier des Antifa e.V.“ Neben den Gegenveranstaltungen der System- und Nazikritiker fanden unter Anderem natürlich auch weniger brisante Kundgebungen und Demonstrationszüge an der HTWK Leipzig und im gesamten Gebiet um den am Freitag noch in den angrenzenden Stadtteil Südvorstadt verlegten fremdenfeindlichen Aufmarsch statt. An insgesamt zehn angemeldeten Gegendemonstrationen in der Nähe der Karl-Liebknecht-Straße nahmen rund 2500 vermutlich Linke teil. Antifaschistischer und auch gemäßigterer Protest in Hör- oder Sichtweite der Neonazis war durch Auflagen der Behörden in die Peripherie des eigentlichen Aufmarsches verlagert worden – eine Entscheidung, die wir an dieser Stelle mit „semiklug“ noch milde umschreiben wollen.

Jedenfalls sollte vieles anders kommen als erwartet: Vor den Türen der Leipziger Distillery, in der Nähe des S-Bahnhofs Leipzig-MDR gelegen, versammelten sich Samstagmittag etwa 135-150 teilweise recht bedröppelt dreinschauende „echte Deutsche“ aus rechtsextremen Zirkeln verschiedenster Couleur (Get it?) zum Sternmarsch – ach, wie weihnachtlich. Weniger weihnachtlich, sonder eher typisch #Kaltland und einfach herrlich deutsch ist allerdings die Ordnungswidrigkeit, die die Betreiber der Distillery für das Übertönen der Brownies mit lauter Musik erwartet, doch das nur am Rande. Wie oben erwähnt, wurde die Demonstrationsroute der Neonazis am Freitag (Captain Hindsight gefällt das.) ins Gebiet der politisch um einiges gemäßigteren Südvorstadt verlegt und umfasste letztlich ca. 550 Meter. Nationale Revolution, here we go!

Mein Plan für den Nachmittag bestand eigentlich darin, erst einmal ohne Kontakt zur Polizei oder anderen Missliebigen mit ausreichender Distanz zum zu erwartenden Geschehen mein Fahrrad abzustellen und mich in Richtung der Noch-Simildenstraße (sic!) und zur von der PARTEI Leipzig angemeldeten Demonstration zur Umbenennung in „Frau Krause ihre Straße“ zu gesellen – in etwa als Matinée zur Einstimmung auf die Dinge, die da kommen sollten. Auf der Karl-Liebknecht-Straße, auf der ich im Folgenden zu Fuß unterwegs war, war zu diesem Zeitpunkt die Stimmung noch blendend: Sonnenschein, ein Haufen junge Menschen, Bier, Passanten, alles in allem höchst friedlich. Am Südplatz, an dem ich mich etwas an die Lage akklimatisieren wollte, sollte sich das jedoch rasch ändern. Aufgrund der zahlreichen Menschen und des noch tadellos funktionierenden Verkehrs auf der Karli und meinem über deutsche Landesgrenzen hinaus bekanntem miserablem Zeitmanagement, ließ ich den Plan mit der PARTEI-Demo nämlich wieder fallen und musste mich zu meinem Unmut – Personenkontrolle – für Wechselklamotten und meinen Geldbeutel wieder nach Hause begeben (ca. 15 Minuten einfach bei regulären Verkehrverhältnissen).

Keine Minute danach und buchstäblich eine Straße weiter, ich derweil am Südplatz unterwegs zu meinem Fahrrad, formierte sich explosionsartig ein beachtlicher Mob aus 300 bis 400 „auf einmal“ schwarz gekleideten und vermummten, „Alerta! Alerta! Antifascista!“ skandierenden Antifaschisten, die mit diversen Evergreens gehörig auf sich aufmerksam machten: Böller gingen in die Luft, das eine oder andere Straßenschild fand seinen Weg auf die Straße und die gesittete Vereinsfeier in weihnachtlicher Stimmung nahm ihren Lauf.

Bis mein Geldbeutel, der sich als verloren (aber wiederauffindbar) herausstellte, ich mich – dank Twitter immer der aktuellen Geschehnisse gewahr – an größeren Ansammlungen Polizei vorbei und einen sicheren Ort für mein Fahrrad gefunden habend wieder in der Nähe des Südplatzes aufhielt, war es in etwa halb vier am Nachmittag und von der Idylle zweieinhalb Stunden davor nicht mehr viel zu sehen: Brennende Barrikaden, Rauchschwaden in der Ferne, durcheinander wuselnde Autonome, reguläre Demonstranten und Unmengen Polizei in der Peripherie des Platzes zeichneten ein gänzlich anderes Bild – „Wir haben Spaß und ihr Bereitschaft“. Unbekannter Künstler, 2015, Pfefferspray auf Asphalt, oder so ähnlich.

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Ich machte mich also, bewaffnet mit einem Berliner Kindl (zum Trinken, was denkt ihr von mir), einer Schachtel Kippen und meinem Handy und irgendwie Lust auf das Ganze auf ins Getümmel. Mit jedem Meter, den ich die Straße hinunter zurücklegte, stieg mir der Geruch von Rauch, CS-Gas und Pfefferspray stärker in die Nase, Sirenen oder Musik hier und dort durchbrachen die Parolen, Rufe und normalen Unterhaltungen, Polizisten standen, rannten und agierten in Gruppen mit stark variierenden Graden der Professionalität und Souveränität und Rauchschwaden, Wasserdampf und Reizgase zeichneten ein dystopisches Szenario am Horizont. Einen minutiösen Bericht meiner Erlebnisse kann ich durch die allgemeine Stimmung und ein auch anderweitig nicht gerade wenig anstrengendes Wochenende (UVB und Bas Mooy lassen an dieser Stelle grüßen) nicht wirklich liefern, doch einige der Schlaglichter seien noch außerhalb der Fotos am Ende dieses Beitrags erwähnt.

Gegen 16:30 Uhr befand ich mich an der Kreuzung Kurt-Eisner-Straße/Karl-Liebknecht-Straße und begab mich mit zahlreichen anderen Gegendemonstranten und Pressevertretern der Polizei entgegen die Kurt-Eisner-Straße hinab – denn ich persönlich hatte, so wie Unmengen anderer an diesem Samstagnachmittag, keinen einzigen Brownie zu Gesicht bekommen. Und wozu sonst das ganze Spektakel? Wir sahen uns einem sich dort in der Nähe formierenden, massiven Polizeiaufgebot aus sicherlich zehn Mannschaftswagen, drei Wasserwerfern und anderen Einsatzfahrzeugen mit zahlreichen Fußtruppen gegenüber, die auch im direkten Gespräch wenig gute Gründe für ihre Absperrung liefern konnten. Wer versuchte, durchzukommen, wurde rüde gestoppt.

Aus einem der Wasserwerfer ertönte auf einmal eine nicht zu verstehende Durchsage, die sich – wie die Gegendemonstranten inklusive mir im Nachhinein aus dem Kontext erschließen konnten – darum drehte, man möge doch für die nahenden Fahrzeuge den Weg frei machen. Sekunden nach der Durchsage stürmte eine Hundertschaft übel gelaunter Staatsdiener auf die Menge zu, die sich schleunigst in Richtung der hinter ihnen liegenden Kreuzung verzog, die, wenn man es so will, zu diesem Zeitpunk in der Hand der Gegendemonstranten war. Auf Letztere wurde keinerlei Rücksicht genommen, als diese zur Kreuzung getrieben wurden und auf beiden Straßenseiten wurden friedliche Demonstranten mit unangebrachter Härte und ohne Nennung von Gründen eingekesselt, auch Pressevertreter gerieten unter die metaphorischen Räder, Pfefferspray wurde eingesetzt. Woher ich das weiß? Voilà. 40 Minuten, ein Schlag auf den Oberarm und keine Rechtfertigung seitens der Beamten standen nach dem Polizeikessel für mich auf der Uhr.

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Im Polizeikessel in der Kurt-Eisner-Straße. (16:31 Uhr)

In der Folge entbrannte eine Schlacht um die Kreuzung zwischen hunderten mit Steinen, Glasflaschen und ähnlichen an der Karli niemals ausgehenden Ressourcen bewaffneten Gegendemonstranten und der die großen Geschütze auffahrenden Staatsgewalt, auf welche ich hier nicht weiter im Detail eingehen werde und von deren (relativer) Schlussphase ich aus naheliegenden Gründen nur Fotos aus sicherer Entfernung habe. Es sei nur gesagt, dass mich eine gewisse diebische Freude beschlich, als ich erfuhr, dass die werte Staatsmacht mit ihrem Pistolero-Verhalten in Bezug auf Reizgas und Pfefferspray auch ordentlich Friendly Fire verursachte, anstatt nur weite Teile der Südvorstadt und damit auch zahlreiche Unbeteiligte und Anwohner einzunebeln.

Es begann ein Katz- und Mausspiel zwischen der Polizei und den unter weiterem Gaspatronenbeschuss und den Schwaden der vorherigen Detonationen die Karl-Liebknecht-Straße in Richtung Innenstadt flüchtenden Gegendemonstranten, während sich auf der Kreuzung ein weiteres Gefecht mit Wasserwerfern geliefert wurde. Ich kann auch mindestens einen Steinwurf aus den Reihen der Polizei bestätigen, sowie sah ich einmal definitiv glühende Splitter eines Geschosses in der Luft, die auf die Flüchtenden niedergingen. Das Entkommen aus dem sich auch aus Stadtrichtung langsam verdichtenden Kessels nahm für mich einige Zeit und Sprints in Anspruch, letztendlich war neben meinem inneren Systemkritiker, Revolutionär und Zoon Politikon nämlich auch der Durchschnittsdeutsche in mir rundum zufrieden – ich war pünktlich um halb sieben zur Sportschau auf meinem Sofa.

Remember, remember, the 12th of December

Was bleibt vom 12.12.? Nun, eine Menge Staub wurde in der Folge des Protests vom Samstag bereits aufgewirbelt, daher ist es Zeit, ein paar Fakten auf den Tisch zu legen:

  • Ja, ihr habt richtig gelesen: Am vergangenen Samstag gab es mehrere Fälle von Steinwürfen (laut VICE ebenfalls mindestens einen) seitens der Polizeibeamten. Bei unmöglicher nachträglicher Identifizierung und damit einhergehendes Straffreiheit sicherlich reizvoll, mit fliehenden Unbeteiligten und Demonstranten ohne Riot Gear als Ziel und scheinbar ohne jeden moralischen Kompass einfach nur beschämend.
  • Die Polizei hat darüber hinaus im Juli diesen Jahres abgelaufenes Tränengas benutzt. Von der regulären Wirkung von den verwendeten Gasen ausgehend, erschließt sich selbst dem Laien, dass das Ablaufdatum nicht ohne Grund darauf angebracht wurde.
  • Eine friedliche, angemeldete Kundgebung wurde ohne ersichtlichen Grund mit Gas beschossen. Wer schon einmal in den Genuss einer solchen Behandlung bekommen ist, weiß, dass Good Times anders aussehen. Wer sich nicht vorstellen kann, wie das aussieht, hier das Originalvideo aus Leipzig.
  • Journalisten, Unbeteiligte und Gegendemonstranten ohne Zahl waren staatlicher Willkür und Gewalt seitens der teilweise sichtlich überforderten und nicht angemessen reagierenden Polizeibeamten ausgesetzt. Wasserwerfer wurden gezielt auf Einzelpersonen und Journalisten gerichtet.
  • Einzelne Polizeibeamte sowie die Fahrzeuge machten fotografische Berichterstattung abseits von physischem Zwang durch Lichter teilweise gezielt unmöglich.
  • Beim Vermummungsverbot haben die Helme der sächsischen Polizei rechts einen blinden Fleck.
  • Der bekannte antifaschistische Jenaer Jugendpfarrer Lothar König, der schon einmal durch das mehr als dubiose Verhalten der sächsischen Justiz Bekanntheit erlangte, bekam von einem Polizisten einen Faustschlag ins Gesicht und wurde bar jeder Basis in Gewahrsam genommen und sein Lautsprecherwagen beschlagnahmt.

Was bleibt nun also wirklich? Ich glaube nicht, dass ich wirklich eine objektive Perspektive bieten kann auf das, was sich dort am Samstag abgespielt hat, aber, for what it’s worth: Nicht einmal lächerliche 200 Neonazis fanden ihren Weg in die Messestadt und das Ergebnis des Zusammenspiels aus medialer Stimmungsmache in beiden Lagern, übermotivierten Polizisten und in keinem Fall nachvollziehbaren Verhalten der Behörden im Vorfeld konnte man am 12. Dezember live beobachten. Demokratischer wie womöglich radikalerer Protest konnte dort, wo er gebraucht wurde, gar nicht stattfinden – in Sicht- und Hörweite des kleinen Häufleins Brauner, die ihre 550 Meter Propaganda und zurück mit ihren Compañeros vom SEK auf der Kurt-Eisner-Straße abliefen. Dass eine solche Verhinderung legitimen Protests und legitimer Demonstrationen Stellvertreterschauplätze generiert, an denen sich die ebenso legitime Wut der Gegendemonstranten auslädt, war abzusehen und sollte im Nachhinein nicht für Verwunderung sorgen. Von der Kurzsichtigkeit der Behörden, zeitgleiche Demonstrationen dreier rechtsextremer Randgruppen durch Connewitz zu genehmigen, mal ganz zu Schweigen. Das kurzfristige Umverlegen und Kürzen der Demonstrationsroute in mehr oder minder letzter Minute machte auch nicht den Eindruck, als sei man in der Stadtverwaltung Herr der Lage. Es hätte sicherlich einiges verhindert werden können am Samstag, soviel sei auf jeden Fall gesagt.

Zum Abschluss bedienen wir uns eines Zitats der Rechten: „Connewitz, wir sind da! Eure Anti-Antifa!“ Und antworten wie folgt: Nein, ihr wart nicht einmal in Connewitz. Ihr wart in der Südvorstadt. In einer einzigen Straße. 550 Meter. Und wieder zurück.

Wir waren da auch. Wir waren mehr als ihr. Wir werden immer mehr als ihr sein. Und wir werden an solchen Tagen immer mehr Spaß haben als ihr. Und als die Polizei.

Alle Bilder vom Autor.