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Kategorie: Jetzt

Das neue Jahr beginnt irgendwo zwischen radikal und liberal: Der „Hassias“ steht zur Wahl

by vic

Der erste Post im neuen Jahr. Mit diesem Wissen überkommt mich direkt ein Hauch an Verantwortungsgefühl. Ganz unkommentiert kann man den Jahreswechsel ja nun auch nicht geschehen sein lassen.

Ich denke, so im Großen und Ganzen betrachtet, können wir froh sein, 2016 hinter uns zu haben. Obgleich ich mich nicht gerade zum Kreise derer zählen würde, für die jeder Jahreswechsel einen epischen Moment darstellt, der wochenlang im Voraus akribisch geplant werden muss – obwohl niemand ernsthaft erwarten kann, dass sich wie von Zauberhand mit dem Verstreichen einer einzigen Nacht am Jahresende überhaupt irgendetwas ändert, außer dass dem ein oder anderen bei Morgengrauen ein Körperteil fehlt –, würde ich unterschreiben, dass der Mensch ab und zu mal eine solche Zäsur braucht, um neuen Mut zu schöpfen. In einer Gesellschaft, die so verkommen ist, dass sie Neologismen wie „postfaktisch“ und „Sexmob“ entwickeln musste, um das, was in ihr vorgeht, zu beschreiben, gibt es offenbar noch einiges zu tun. Eine ordentliche Prise intrinsische Neujahrsmotivation à la „Neue Runde, neues Glück“ kann da kaum schaden. Uns steht schließlich mal wieder ein Wahljahr bevor.

Gleich zu Beginn trumpft die deutsche Politik bereits mit brisanten Neuigkeiten auf. Am 4. Januar teilte Die PARTEI auf ihrer Facebook-Seite ein Interview von n-tv mit ihrem diesjährigen Kanzlerkandidaten, der seine Kandidatur am 5. Dezember 2016 in Köln offiziell verkündet hat. Mit Serdar Somuncu stellt die von Martin Sonneborn geleitete satirische PARTEI einen Repräsentanten auf, der voll und ganz ihrem Stil entspricht: intelligent, feinsinnig, ironisch, provokant.

Wir werden vielleicht gelegentlich mal in aufreizender Montur auftreten, aber unsere Sexismen beziehen sich vor allem auf unsere politischen Gegner. Da werden wir genug Angriffsfläche haben. Frauke Poetry. Andreas Merkel, Comtessa Beatrice von Strolch…

Auf seinem Programm stehen u.a. die „verpflichtende Homo-Ehe“, eine „Kopftuchpflicht auch für Männer“ sowie ein „Internetverbot für Asoziale“, wie der designierte Kanzlerkandidat im Gespräch mit rap.de proklamiert. Auf die Frage der n-tv Redakteurin Judith Görs, was Serdar Somuncu und die PARTEI hinsichtlich ihrer provokanten Äußerungen denn eigentlich von der AfD unterscheide, antwortet er in gewohnter Schelmenmanier, er sei „noch populistischer und auch polemischer“. Tatsächlich hat er laut eigener Aussage Vertreter der AfD in seine Talkshow („So!Muncu“) eingeladen, welche allesamt nicht erschienen.

Auch das ist im Übrigen die Aufgabe dieses Hybrids aus Satire und Politik, den wir geschaffen haben: Debatten anzustoßen, damit daraus Politik entsteht.

In der AfD stieß man dagegen lieber Justizfälle an: sie verklagte Serdar Somuncu im vergangenen Jahr – wegen „Volksverhetzung“. Auch sonst hat der Mann offenbar nicht nur Freunde, wie die eigens eingerichtete, auf ein beachtliches Maß angewachsene „Klagemauer“ auf seiner Website somuncu.de unter Beweis stellt. Erst kürzlich wurde außerdem eine weitere Klage gegen ihn eingereicht, dieses Mal vonseiten des WDR, im Speziellen einer Redakteurin, auf „schwere Beleidigung“. Diskutiert wird nun laut F.A.Z., ob sein Pöbel-Kommentar in Richtung WDR-Redaktion während einer Podiumsdiskussion der Körber-Stiftung im Jahr 2015 („Diese Arschlöcher nehmen sich raus, im Namen der Gebührenzahler, uns zu zensieren. Und das war für mich die Keimzelle des Faschismus.“) aufgrund seiner Rolle als Satiriker anders zu bewerten sei als beispielsweise die Äußerungen eines Journalisten. Dass Satiriker keine Narrenfreiheit mehr genießen, ist mittlerweile ja nichts Neues. Dass sie sich gerade dann zu verantworten haben, wenn es um Pressefreiheit geht, leider auch nicht.

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Scharf, schärfer, ß: Bahn frei für das große Eszett

by Kilian

Am vergangenen Donnerstag reichte der Rat für deutsche Rechtschreibung seinen dritten Report bei der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder ein, welcher zwei Vorschläge für Modifikationen des Regelwerks der offiziellen deutschen Rechtschreibung beinhaltet, die nun auf die Freigabe durch die staatlichen Entitäten warten: Auf der einen Seite diverse marginale Veränderungen in der Klein- und Großschreibung von Adjektiv-Substantiv-Kombinationen und auf der anderen Seite so etwas wie ein kleiner Meilenstein. Es geht um nicht weniger als die Verankerung des Eszett-Großbuchstabens in die amtliche deutsche Rechtschreibung – ein Unterfangen, welches immerhin schon über 100 Jahre (auch schon vor 1919) für seine Umsetzung braucht:

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/// Auszug aus dem Duden (1919) | Bild via typografie.info

Im Jahr 2005 musste Dr. Kerstin Güthert vom Rechtschreibrat auf eine diesbezügliche Anfrage von Thomas Landsgesell noch antworten, dass man den Bedarf und Nutzen des Zeichens sehr wohl sieht, aber den Buchstaben selbst nicht »erfinden« könne. Dazu bedürfe es »einer Initiative der Schreibgemeinschaft«. Und so kam es.

Manch einer wird nun fragen: Warum? Ein anderer vielleicht: Warum erst jetzt? Die Antwort liefert die offizielle Begründung aus dem Bericht des Rates für deutsche Rechtschreibung:

Mit dem Vorschlag, bei Schreibung mit Großbuchstaben den Großbuchstaben <ẞ> neben der Ersatzschreibung <SS> zuzulassen, soll eine mit dem Schriftbild besser zu vereinbarende Lösung angeboten werden, als es die zurzeit praktizierte Behelfslösung darstellt, die den Kleinbuchstaben <ß> inmitten von Großbuchstaben setzt.

Kurzum geht es darum, endlich sowohl das Zeichen als auch die Verwendung des großen ß innerhalb der amtlichen deutschen Rechtschreibung offiziell zu etablieren und so ein Schriftbild zu schaffen, in dem jeder Buchstabe sowohl als Klein- als auch als Großbuchstabe auftaucht und benutzt wird. Unterstützung bekommen die Antragsteller hierbei unter anderem vom Goethe-Institut und dem Bildungsministerium unseres Nachbarlandes Österreich. Ausstehend ist demnach nur noch die finale Bestätigung durch die Kultusministerkonferenz, welche damit nach über 100 Jahren einen immer wieder adressierten Schönheitsfehler der deutschen Sprache der Vergangenheit angehören lassen kann.

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via Design made in GermanyTypografie.info

Bild 2: Screenshot

 

Hobbys sind Hobbys: Bundesverfassungsgericht kippt rigiden Schutz stiller Feiertage

by Kilian

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Manchmal möchte man meinen, man müsse die metaphorische Flinte doch noch nicht ins Korn werfen, wenn sich juristisch, politisch oder sozial ausnahmsweise mal wieder etwas tut, was mit gesundem Menschenverstand, Aufklärung und der Tatsache, dass wir im 21. Jahrhundert leben, tatsächlich vereinbar ist. Besonders die Kirche und ihre verlängerten Arme wie die CSU oder der Arbeitskreis Päderasten mit Lehrauftrag e.V. glänzten in der Vergangenheit immer wieder damit, die Dinge doch lieber so zu lassen, wie sie sind, doch die Karlsruher Bundesrichter konnten mit dem rechtskräftigen Urteil vom 31. November 2016 immerhin einen Etappensieg für des Denkens fähige Menschen erstreiten, indem sie einer Verfassungsbeschwerde des säkularen, laizistischen Bundes für Geistesfreiheit (BfG) stattgaben und den ausnahmslosen Schutz stiller Feiertage in Bayern und Deutschland für verfassungswidrig erklärte.

Die Geschichte entwickelte sich, beginnend im Jahre des Herrn 2007, wie folgt:

Um die bayerische Regelung gerichtlich prüfen zu lassen, hatte die Gruppierung am Karfreitag 2007 eine Veranstaltung in einem Münchner Theater organisiert.

Die zum Abschluss geplante „Heidenspaß-Party“ wurde – wie abzusehen war – untersagt. Zu Unrecht, sagt nun das Verfassungsgericht. Zwar darf der Karfreitag als „stiller Tag“ laut Beschluss besonders geschützt werden. Jede Befreiungsmöglichkeit von vorneherein auszuschließen, sei aber unverhältnismäßig (Az. 1 BvR 458/10).

Zu den stillen Feiertagen, welche im Land der Bayern besonderen Schutz genießen – bei den deutschen Rekordfeiertaggenießern in meiner Heimat sind es derer neun – zählen unter anderem Allerheiligen, der Totensonntag oder eben der Karfreitag. Für diesen gilt, beziehungsweise galt, ein ausnahmsloses Verbot „jede[r] Art von Musikdarbietung in Räumen mit Schankbetrieb“ – Betonung auf der Vergangenheitsform, denn exakt diese Ausnahmslosigkeit wurde nun vom Bundesverfassungsgericht negiert.

Die striktesten Regeln gelten für den Karfreitag. Dann sind auch Sportveranstaltungen und „musikalische Darbietungen jeder Art“ „in Räumen mit Schankbetrieb“ verboten. Für die anderen Tage sind Ausnahmegenehmigungen möglich, „nicht jedoch für den Karfreitag“.

Es sei zwar grundsätzlich gerechtfertigt, für bestimmte, auch christliche Feiertage einen „qualifizierten Ruheschutz“ zu schaffen, heißt es in dem Beschluss. Gar keine Ausnahmen zuzulassen, sei aber mit der Weltanschauungs- und Versammlungsfreiheit unvereinbar.

Wer jetzt meint, kommendes Jahr in der Nacht zum 14. April irgendwo in der bajuwarischen Pampa ordentlich mit einer „Cannibal Corpse meets Perc“-Grindcore-Techno-Avantgarde-Disko die Puppen tanzen zu lassen, sollte sich allerdings nicht zu früh freuen: Die betroffene Abschlussparty des Events „Religionsfreie Zone München 2007“ hätte zwar zugelassen werden müssen, da sie nicht von rein hedonistischen oder kommerziellen Interessen der Veranstalter getragen wurde, allerdings hat diese auch, so die Meinung der Richter, die öffentliche Meinungsbildung und Weltanschauungen tangiert – es wird also auch in Zukunft bei weitem nicht jede Party an stillen Feiertagen erlaubt werden.

Sei dies, wie es will, jeder Schritt, der Macht und Einfluss von Staat und Kirche auf das Leben privater Bürger eindämmt, ist einer in die richtige Richtung. 

via Berliner Morgenpost

Let’s play, Sven: Das Berghain-Kartenspiel ist da

by Kilian

Vielen gilt das ehemalige Kraftwerk am Wriezener Bahnhof in Friedrichshain-Kreuzberg nicht nur als der Tempel des Techno in Berlin, in Deutschland, in Europa und wahrscheinlich auf der ganzen Welt – nicht zu unrecht, wie ich finde, was hingegen eine Diskussion ist, für die man sich etwas länger Zeit nehmen sollte. Eines der Charakteristika des Berghain ist, neben dem strikten Verbot audiovisueller Aufnahmen und einer Menge Nackter und Halbnackter, seine berühmt-berüchtigte harte Tür – Mensch geworden und mit einem Gesicht versehen in Gestalt von Sven Marquardt – an der sowohl Ottonormalraver als auch Szenesnobs ins Schwitzen kommen, gekommen sind und hoffentlich noch lange kommen werden. Demokratisierung des Clubbesuchs durch als randomisiertes Chaos getarnte Selektion, sozusagen.

Die „Berghain Experience“ konnte man, Internet sei Dank, mittlerweile mit dem Berghain Trainer schon in der virtuellen Realität nacherleben, auch wenn die Erfolgschancen meines Erachtens online noch mal geringer einzuschätzen sind. Den nächsten Schritt in die reale Welt könnten die kultischen Elemente um die Schlange vor dem Berghain allerdings bald gehen: Auf Instagram präsentiert sich das neue Kartenspiel „Berghain ze Game“ und kündigt an, bald via Kickstarter finanziert werden zu wollen. In dem – ganz ungewöhnlich für – sehr bunt gehaltenen Kartenspiel, geht es darum, mit seinen Mitstreitern in die Rolle von Sven und Kollegen zu schlüpfen und die Nacht zu dirigieren.

“In Berghain ze Game, your job is to let the right people into legendary Berlin techno club Berghain. Take turns as the most powerful man in Germany and learn more about gay culture in the process!”

Sieht vielversprechend aus, wenn ihr mich fragt! Liebevoll gewählte Charaktere, sympathisch illustriert, wenn der Spielmodus dazu auch noch einige Schmankerl bereit hält, bin ich sofort am Start. Folgt den Entwicklern unter @berghainzegame bei Instagram für Updates.

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via Electronic Beats

Die Party ist zu Ende: Jan Böhmermann zur Zukunft des Neo Magazin Royale

by Kilian

Man möchte nichts anderes, als gemütlich am Freitagmittag in Richtung Wochenende zu schliddern, da kommt über den digitalen Äther der mediale Aufreger der Woche rein: Jan Böhmermann, von meiner Wenigkeit höchst respektierter und verehrter Moderator des Neo Magazin Royale bei ZDFneo, zieht die Reißleine.

In einem etwas über sieben Minuten langen Video, betitelt mit „Macht doch Euren Scheiß alleine! So geht es nicht weiter!„, wendet sich der Moderator und Satiriker an das Internet und gibt eine leidenschaftliche, mit diversen direkten Spitzen gegen Mitarbeiter und Redaktion gefüllte Chronik der Zustände beim Neo Magazin Royale, in der Bildundtonfabrik (btf) und im Studio König in Köln-Ehrenfeld. Das Video wurde über seinen privaten YouTube-Channel am Freitagmittag veröffentlicht und der blasse, dünne Junge aus Bremen-Vegesack illustrierte die Situation bei Twitter noch weiter in Wort und Bild. Bereits am Morgen kündigte er an, dass heute der Knüppel aus dem Sack gelassen werden würde:

 

Ohne dem Video zu viel vorweg nehmen zu wollen, fehlt dem Moderator und Chefredakteur schlicht und ergreifend in seinem eigenen Stall die nötige Seriösität und Ambition, wenn es darum geht, in einem Medium, in dem Quote alles ist, bei einem öffentlich-rechtlichen Sender und in einer Sparte, in der die Konkurrenz ob der werberelevanten Zielgruppe gnadenlos sein dürfte, gutes Fernsehen zu machen. Darüber hinaus sehen die Mitarbeiter die wöchentliche Ausstrahlung offenbar Mal um Mal als Grund zu exzessivem Feiern, was in zu erwartender Sauberkeit der Räumlichkeiten und in Unmut bei Böhmi Böhmermann resultiert.

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Nicht nur für mich, sondern wohl das gesamte Internet kam das überraschender als eine Torte für Beatrix von Storch. Ich wollte eigentlich ein paar Hip-Hop-Gems droppen, bevor meine Eltern anreisen, aber war wohl nix. Zwar ist mir persönlich durchaus aufgefallen, dass die Konstanz in der Qualität durchaus ein Problemchen des Neo Magazin Royale war, welche aber oft genug durch absolute Highlights der Qualitätsunterhaltung relativiert wurden. Man denke da nur beispielsweise an Höhenflüge wie Varoufake – zugegeben, ein „One of a kind“-Coup – im Gegensatz zu solch qualvolle Lückenfüller wie den „Selfie deines Lebens.“ Warum nicht mal wieder das „Digitale Quartett“ die Metaebene von Offline und Online durchbrechen lassen?

Ich persönlich bin eindeutig #TeamBöhmi, was das angeht, da ich nicht nur durch seine Sendung, doch vor allem auch durch „Sanft & Sorgfältig“ (R.I.P.) seine Denke kennen gelernt habe und ich der Meinung bin, dass er diesen Schritt nicht gehen würde, wenn er ihn nicht für absolut notwendig erachten würde. Mag sein, dass er einiges überdramatisiert, es wird sich zeigen, wie die Sache weitergeht, aber er sagt auch viel Wichtiges und offenbar Richtiges in seiner State Of The Program Address ans Zweite Deutsche Internet. Hier findet ihr das Video in voller Länge, bildet euch eure eigene Meinung. Ich bin und bleibe Fan!

via @janboehm (Twitter)

404 Freiräume not found: Das HER DAMIT, Prora und wie es weitergeht

by Kilian

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/// „Prora“ (2008) von Hans Kundnani via Flickr

„Ein Gespenst geht um in Europa. Das Gespenst der Gentrifizierung.“: Das HER DAMIT 2016, welches wir in diesem Jahr für euch begleiten, wird voraussichtlich das letzte Festival am einmaligen Standort Prora sein. Der Grund? Ihr habt es erraten. Mit Flaute in der Kasse des Landkreises Vorpommern-Rügen auf der einen und anlagegeilen Investoren auf der anderen Seite scheint man in Prora jungen, kreativen und öffentlichen Freiräumen bye-bye und Porsche Panameras mit Münchner Kennzeichen hallo zu sagen. „Auch wenn die Veranstalter in jedem Fall weiter machen wollen und sich von nun an nach einer neuen Location umsehen, ist davon auszugehen, dass HER DAMIT 2016 das letzte Festival in Prora – eingebettet zwischen Kiefernwäldern, geschichtsträchtigen Mauern und Ostseestrand – sein wird“, heißt es in einer Pressemitteilung. 

Das Gespenst, welches immer stärker auch in Deutschland um sich greift und dessen Indikatoren meist belächelnd mit veganen Cafés, Latte-Macchiato-Müttern und Schwabylon angegeben werden, welches allerdings auch Auswüchse gebiert, die dem Individuum die hässliche Fratze des Kapitalismus zeigen, ist die vielbesungene Gentrifizierung. Doch was heißt das eigentlich?

Abgeleitet vom englischen Ausdruck „gentry“ (= niederer Adel) wird [der Begriff Gentrifizierung] seither zur Charakterisierung von Veränderungsprozessen in Stadtvierteln verwendet und beschreibt den Wechsel von einer statusniedrigeren zu einer statushöheren (finanzkräftigeren) Bewohnerschaft, der oft mit einer baulichen Aufwertung, Veränderungen der Eigentümerstruktur und steigenden Mietpreisen einhergeht.

(Deutsches Institut für Urbanistik, 2011)

Wenn man als halbwegs aufmerksames Individuum einigermaßen ehrlich zu sich selbst ist, kommt man nicht umhin, sich einzugestehen, dass dieser Prozess, so schleichend er sich auch gestalten mag, in bundesdeutschen Klein- bis Großstädten schon in vollem Gange ist. Man wird nicht lange nachdenken müssen, wann das letzte Mal ein kleiner, alteingesessener, inhabergeführter Herrenausstatter seine Pforten schließen musste, nur damit selbige drei Monate später von Menschen, die mit einem verächtlich ausgespuckten „Kunden“ noch milde umschrieben sind, bei der Eröffnung eines Dunkin‘ Donuts wieder eingerannt werden können. Die Dichotomie aus niedrigem Ausgangsstatus einer Gegend und den damit einhergehenden kleinen Läden, Cafés, Metzgereien, Bäckereien – was einem Viertel ja durchaus Charme verleihen könnte, möchte man meinen – gegen die Situation nach „erfolgreich“ abgeschlossener Gentrifizierung ist in diesem Beispiel fast beliebig austauschbar: Die Innenstädte sind mittlerweile komplett durchkommerzialisiert und in diesem Sinne erschlossen, doch innenstadtnahe Gebiete sind prädestiniert dafür, erobert zu werden. In der Vergangenheit war Suburbanisierung lange in der Stadtentwicklung vorherrschend, also die Herausbildung von Vorstädten, das Abwandern von Einwohnern und Betrieben, Geschäften etc. aus den Stadtzentren heraus. Diese und ihre Anrainerviertel verlieren daher mit der Zeit an Attraktivität und Wert, Studenten, Künstler, Kreative beziehen den günstigen Wohnraum, zack, feddich ist das Szeneviertel.

Dieses wird durch eine trend- und konsumorientierte, kaufkräftige Käuferschicht natürlich wieder für Investoren interessant, die ihr Stück vom hippen Kuchen abhaben wollen. Die Mieten steigen, die Studenten werden weniger, junge Eltern entdecken die neue Gegend für sich, Birkenstocks und Jack-Wolfskin-Jacken grassieren. Alle haben einen Job, zwei Kinder (Daenerys-Maccaroni und Abraham-Yeezus, zwei und vier Jahre), ein festes Einkommen und so gar keinen Bock auf Sterni für 40 Cent und Druffis an der Bushaltestelle. Die Clubs, Bars, Studios, Ateliers etc. werden weniger, es wird gesittet. So wird aus alten Gründerzeitbauten schon einmal ein Primark, ein unbebautes Grundstück, das zwar kein Geld, dafür der Bevölkerung eine kostenlose Frei- und Grünfläche brachte, verwandelt sich in Eigentumswohnungen oder eine Mall und statt dem kleinen Feinbäcker holt man seine Croissants bequem bei REWE To Go. Auf einmal freuen sich alle, in was für einem schönen, sauberen Viertel mit erstaunlich vielen schönen, weißen Menschen aus der Mittelschicht man doch lebt und wie viel besser das doch jetzt ist. Und dann schaut man schnell auf den hippsten Untergrund-Stadtblog, um sich im nächsten hippen Viertel einen Riesling-Sriracha-Wurstwasser-Cuvée in dieser freaky Studenten- und Künstlerbar zu holen und sich jung und urban zu fühlen. Oh, the irony.

Naja, ich sollte wohl zum Punkt kommen. Nun hat es also auch Prora erwischt, die Location des HER DAMIT Festivals, welches vom 27. bis 29 Mai diesen Jahres auf Rügen stattfindet: Prora, Prora, irgendwie schonmal gehört, doch auf Anhieb wissen die meisten nicht ganz genau, was hinter diesem Begriff steckt.

In der Anlage des als „Koloss von Rügen“ bekannt gewordenen geplanten „KdF-Seebades Rügen“ in Prora befindet sich das Dokumentationszentrum Prora. Prora gehört zum Ostseebad Binz und liegt an der Prorer Wiek, der schönsten Bucht der Insel Rügen. Hier wurde die etwa 4,5 km lange Anlage im Auftrag der „NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude“ zwischen 1936 und 1939 gebaut und zu großen Teilen auch vollendet.

(Dokumentationszentrum Prora)

In diesem KdF-Badeort sollten bis zu 20 000 Menschen gleichzeitig Urlaub machen können, als Befriedungsmaßnahme für die im Zuge der Machtergreifung zerschlagenen Gewerkschaften und Arbeiterorganisationen. Das Individuum sollte sich hier in der Masse verlieren – Gleichschaltung, you know – und, eingebettet in die Volksgemeinschaft, entspannt am Ostseestrand planschen. Doch spätestens ab 1939 wurde jeder Arbeiter und jeder Mann für Hitlers Kriegswirtschaft gebraucht und der Bau wurde unterbrochen. Mit seinen viereinhalb Kilometern Länge demonstriert der Koloss von Prora eindrucksvoll und mahnend die Megalomanie der Nazis. Zum Ende des Zweiten Weltkrieges nutzte man die Proraer Anlagen als Flüchtlingslager, Ende des Jahres 1945 wurden die nutzbaren Gebäude für sowjetische Truppen verwendet. Von 1956 bis 1990 waren militärische Schulräume der Nationalen Volksarmee der DDR im Koloss untergebracht. Bis 1991 war das Gelände des ehemaligen Seebades militärisches Sperrgebiet, bis es im Zuge der Wende an die Bundeswehr übergeben wurde, welche 1991 die Nutzung des Standortes aufgab.

Nachdem der Komplex 1991 in den Besitz des Bundesrepublik Deutschland überging und 1992 unter Denkmalschutz gestellt wurde, bemühte man sich seither, die über achtzig Jahre alten Bauten kommerziell nutzbar zu machen. Hier standen Investoren, Anleger und Immobilienplaner natürlich sofort und seither Gewehr bei Fuß – doch bei Weitem nicht zur Freude aller:

Nur Block V gehört noch dem Landkreis Vorpommern-Rügen. Die eine Hälfte wird von der Jugendherberge belegt, die andere Hälfte ist noch unsaniert. Nach Auffassung des Landes Mecklenburg-Vorpommern „ideale Bedingungen für die Aufnahme eines Zentrums, in dem die Geschichte Proras dokumentiert wird und in dem vor allem junge Menschen sich mit dieser Geschichte auseinandersetzen und ihren Standpunkt erarbeiten können.“ Die Pläne, ein solches Zentrum einzurichten, liegen zwar seit vielen Jahren in der Schublade, doch eine konkrete Umsetzung ist in weiter Ferne. Es scheitert vor allem am Geld: Weder der Landkreis noch das Land haben sich bislang bereit erklärt, maßgeblich in die Sanierung und den Aufbau eines solchen Zentrums zu investieren.

(Kuch, 2015)

Und das bringt uns ins Jahr 2016: Auch der letzte in öffentlicher Hand verbliebene Block Proras wird allem Anschein nach in absehbarer Zukunft verkauft. Nichts mehr mit dem mahnenden, schrecklichen, aber doch majestätischen Anblick der Anlage, weiter geht es mit Ferienwohnungen mit Glasbalkons und Blick zum Meer, Familienvans und langsamem Vergessen der Geschichte und des eigenen schlechten Gewissens. Capitalism is not your friend.

Also lasst uns vom 27. bis 29. Mai noch einmal gemeinsam feiern: Wir werden dort sein, mit großen Kinderaugen und schmerzenden Beinen den Rügener Sonnenaufgang genießen und uns mit dem schönen Leben vollsaugen. Auch, wenn es das letzte Mal sein sollte.

Tickets für’s HER DAMIT 2016 bekommt ihr genau hier – wir sehen uns im Mai!

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Straßenschäden im gesamten Gebiet: Sechs Monate Leipzig

by Kilian

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„Viele Kollegen machen sich vor, daß man zwar ein halbes Jahr lernen muß, um ein Schwein zu zerlegen, oder drei Jahre, um einen Anzug nähen zu können, daß aber jeder schreiben kann, sobald er etwas erregt ist.“ – Ernst Alexander Rauter

Ob meiner Schreibfaulheit und allgemeinen Gönnung im Semesterferienmodus ist es nun leider nicht mehr auf den Tag genau sechs Monate her, dass mich mein Weg von der unterfränkischen Provinz über Regensburg – genau genommen auch nichts anderes als oberpfälzische Provinz – letztendlich nach Leipzig geführt hat und an diesem Punkt, ein halbes Jahr in der Messestadt, sieht alles danach aus, als ob das zur Abwechslung eine grandiose Entscheidung war.

Das Lebensgefühl, das Stadtbild, die kulturellen Angebote, der wesentlich linkere Grundkonsens (der jungen Leute), die Clubs, mein Studium, kurz: Der Vibe Leipzigs hat bei mir genau ins Schwarze getroffen. Um einen sehr weisen Mann zu paraphrasieren: „This vibe is what gives the Leipzigers their power. It`s an energy field created by all living things. It surrounds us. It penetrates us. It binds Leipzig together.“

Da ich mich hier, wie bereits erwähnt zur Abwechslung, bisher wirklich pudelwohl fühle, ist es Zeit, die ersten sechs Monate in Klein-Paris einmal Revue passieren zu lassen. Sechs Monate, sechs Dinge, die ich an dir hassliebe. Ein bisschen was von beidem.

Die neue Hood: Detroitnitz

Meine neue Hood ist der erste Punkt, den ich in und an Leipzig lieben gelernt habe. Reudnitz, wie dieser schöne (oder dunkel-dreckige, je nachdem wen man fragt) Stadtteil heißt, habe ich zweifellos schon ins Herz geschlossen. Alte Industriegebäude, wunderbare Gründerzeitbauten, die Sternburg-Brauerei, die Nähe zur Innenstadt und zum Völkerschlachtdenkmal, der Lene-Voigt-Park vor meiner Haustür und, ganz im Gegenteil zu den 1990ern, wie ich hörte, gelebtes Multi-Kulti sind bisher für mich die ideale Mischung, mich in meiner neuen Umgebung wohl zu fühlen. Dass ich in einem dieser wunderbaren Gründerzeitbauten ein Zuhause gefunden habe, ist natürlich nur die Kirsche auf dem Eisbecher – darauf erstmal ein Sterni.

Das neue Bier: Sternburg

Ja, das gute alte Sterni. Nicht, dass mir das Bier vorher in irgendeiner Form unbekannt gewesen wäre, doch der weiß-rot gewandete Nektar hat diese bisherigen Wochen und Monate in Leipzig definitiv mit geprägt. War ich am Anfang durchaus noch ein Verfechter des Sternburg Export als reiner Notlösung, falls das Geld im Späti nicht für ein Chiemseer oder ein Budweiser reicht, so hat der Reudnitzer Gerstensaft in meiner Wahrnehmung durchaus eine Wandlung mitgemacht. Kartellmäßig in jedem guten Späti mit fairen 80 Cent bepreist (und in Supermärkten im Angebot oft für 40 Cent inklusive Pfand zu erstehen) und buchstäblich nur 500 Meter von meiner Haustür entfernt gebraut, macht das St. Ernburg süffig, würzig und im Preis-Leistungs-Verhältnis unschlagbar, in der edlen braunen NRW-Flasche eine extrem gute Figur.

Der neue Lieblingsclub: Institut für Zukunft

The IfZ is a Techno Club with a strong support of progressive and
emancipatory Ideas.
We welcome everybody to our club who likes the music we present, who
likes to dance to it, who has an open minded attitude and most of all
who respects the boundaries of others.
If your only concern is to get drunk or to find somebody to have sex
with, the IfZ is probably not the right place for you.
If you think it is OK to talk to people against their will or touch them
without their consent, the IfZ is definitely not the right place for
you.

Die Selbstbeschreibung des Instituts für Zukunft, gelegen im Kohlrabizirkus, einer ehemaligen Markthalle mit zwei imposanten Stahlbetonkuppeln, beschreibt schon recht gut, weshalb ich diesen Laden so großartig finde. Nicht nur die grandiose Silvesterfeierlichkeit hat mein Herz für diesen Club geöffnet, auch die Atmosphäre, der Vibe, das Interieur und nicht zuletzt die überragende Kirsch-Audio-Anlage machen jedes Mal den Besuch zum Erlebnis. Ein Hort des Hedonismus und der freien Entfaltung, der jeden, der sich darauf einlässt, zweifellos zum Schwärmen bringt. Ein darüber hinaus in den meisten Fällen grandioses Booking, dank dessen ich beispielsweise schon Künstler wie Stenny, Andrea, I/Y oder Blind Observatory (um nur einige zu nennen) hören durfte, macht das IfZ nach wie vor zu meiner ersten Wahl der abendlichen Wochenendgestaltung und ich freue mich schon wie Bolle auf weitere schlaflose Nächte in den heiligen Hallen.

Der neue Montag: Braune Soße

Auch das ist eine Seite von Leipzig, die ich kennen lernen durfte: Die Allgegenwärtigkeit von Grenzdebilen wie LEGIDA, der Offensive für Deutschland, randalierenden Hools und vielem mehr. In meiner Zeit bisher kam es unter anderem zum weit über die Leipziger Stadtgrenzen hinaus Wellen schlagenden 12. Dezember – wir berichteten – und dem nicht minder die Schlagzeilen bestimmenden Nazi-Angriff auf das Leipziger Viertel Connewitz während einer LEGIDA-Demonstration in der Innenstadt im Januar.

Doch Hoffnung macht der lautstarke und bunte Gegenprotest, der Faschisten wie rechtsextremen Hetzern und potentiellen Schreibtischtätern bei jeder Gelegenheit entgegenkommt. NO LEGIDA, Leipzig nimmt Platz, …ums Ganze! oder the future is unwritten sind dabei nur einige innerhalb einer breiten – nein, für die Sachsen-CDU hat es noch nicht gereicht – Menge an Gegendemonstranten, die den Brownies das Leben schwer machen. Ich habe es beileibe nicht jeden Montag zu NO LEGIDA geschafft, doch bin froh, in einer Stadt gelandet zu sein, in der ich mit meiner Meinung zu Rechten aller Couleur (welch feine Ironie) nicht alleine stehe.

Der neue Feuilletonshit: Nachtleben, Musik, Kultur, artsy Stuff

Was mir in meinen späteren Jahren in Regensburg so zu Schaffen machte und schlussendlich auch defintiv einer der Faktoren meines Tapetenwechsels war, war das Gefühl in einer Stadt zu wohnen, in der es nicht vorangeht. Stagnation. Frustration. Depression. Abfuck. Wenn sich in den eigenen Interessens- und Lebenssphären über einen längeren Zeitraum hinweg offenbart, dass man – Bemühungen und tatkräftigem Support an diversen Stellen zum Trotz – sich insgesamt als Stadt, als Szene, als Kulturmikrokosmos auf der Stelle bleibt, kann Anfangseuphorie zügig in handfesten Frust umschlagen. Anders allerdings hier in Leipzig, in meiner nicht ganz so bescheidenen Meinung. Selbst in meinem ersten halben Jahr hier und bei Weitem nicht so oft die eigenen vier Wände für kulturellen Input verlassend, wie ich mir das vorgenommen hatte, hat ein Potpourri an Möglichkeiten mich nicht nur einmal vor Schwierigkeiten in der (meistens) Abendplanung gestellt. Sei es nun nicht zuletzt auf der einen Seite das Nachtleben mit einem oft beeindruckend breit gefächertem Spektrum an Musik, Filmvorführungen, Lesungen und vielem mehr oder auf der anderen Seite die Auswahl an Ausstellungen, Workshops, Märkten, Buchläden, Plattenläden (s/o an die Jungs vom VARY an dieser Stelle) und zahlreichen anderen Angeboten – es ist tatsächlich immer was los. Und, ohne das Domstadt-Bashing jetzt zu weit zu treiben: Insgesamt macht vieles hier einfach einen originäreren Eindruck als das an der Donau der Fall war und ist.

Die neue Stadt: Das Gesamtpaket

Klingt cheesy, ist es wahrscheinlich auch ein bisschen. Aber es stimmt wirklich! Bisher spüre ich, dass dieser Umzug und zu einem überragenden Teil eben auch Leipzig für mein allgemeines Wohlempfinden eine großartige Entscheidung waren. Noch dazu ist Leipzig unglaublich flach, was noch den unmotiviertesten Slacker wie meine Wenigkeit zum Radfahrer werden lässt – ein Pluspunkt, den ich über alle Maßen schätzen gelernt habe. Auch die Größe der Stadt schwingt positiv mit, irgendwo auf dem Weg zur Großstadt. Und ich schaffe mir langsam, Schritt für Schritt, mein kleines bisschen Großstadt hier, das mir Tag für Tag mehr Spaß macht.


Zum Abschluss sei nur noch gesagt, wie sehr ich eigentlich Listicles hasse, aber ob anhaltend fehlender Kreativität keinen anderen Weg gefunden habe, dieses kleine Resümee zu strukturieren und auch nur annhähernd zeitnah zu veröffentlichen, mea culpa, hare Krishna. Das war’s jetzt wieder für ein halbes Jahr mit der BuzzFeed-Kacke.

Bild: Ausschnitt aus Zentralstadion Leipzig Skyline von MatthiasX1 via Flickr // CC BY-SA 2.0

America’s back mole: John Oliver über Donald Trump

by Kilian

Der amerikanische Vorwahlzirkus zur Nominierung der Präsidentschaftskandidaten, die dann eigentlich erst den wirklichen Wahlkampf starten, ist alle vier Jahre nicht nur für den gemeinen Europäer ein schwer zu durchschauendes Dickicht aus Wahlwerbespots, Debatten, verbalen Entgleisungen, Experten und „Experten“, viel zu viel Geld und Megalomanie auf Seiten der Kandidaten. Nein, auch zahlreichen US-Amerikanern muss regelmäßig erläutert werden, wie, warum, für wen und für wen auf keinen Fall sie ihre Stimme abgeben sollten und auch der Wahlkampf 2015/2016 ist hier keine Ausnahme – besonders das Auftauchen und bisher überraschende Abschneiden der Non-Establishment-Kandidaten wie Bernie Sanders bei den Demokraten oder dem texanischen Fall für die Geschlossene, Ted Cruz, bei den Republikanern bedingt, dass man sich die um die Stimmen Buhlenden ein wenig genauer ansieht.

Genau das hat John Oliver, genialer, innovativer und entzückend britischer Host von „Last Week Tonight“ auf HBO, nun mit dem sprichwörtlichen Elefanten im Raum getan: Donald Trump. Der New Yorker Milliardär mit Napoleonkomplex polarisiert in den USA (nicht nur) zur Zeit wie kein Zweiter, seit er sich in den Kopf gesetzt hat, das Weiße Haus zu beziehen, eine Mauer an der US-Südgrenze zu Mexiko zu bauen, welche die Mexikaner bauen und für die sie bezahlen werden oder die Familien von IS-Mitgliedern zu attackieren. Boy, it’s a merry good time in the good ol‘ US of A.

Über den minimalen politischen Tiefgang des Immobilieninvestors und seinen puren, schlecht versteckten Populismus herrscht in jedem aufgeklärten Gehirn zwischen Seattle und Kaufbeuren Einigkeit, dennoch schadet es bekanntlich nie, einen Politiker – oder einen, der es werden will – auf den dampfenden Haufen Exkremente festzunageln, den dieser so von sich gibt. Und wohl kaum einer der verbliebenen Kandidaten des US-amerikanischen Präsidentschaftsrennens bietet eine so breite und schlecht frisierte Angriffsfläche wie der New Yorker, dessen Äußerungen zu Abtreibung, Refugees, Syrien, ISIS, Frauen oder praktisch jedem anderen Thema seit Monaten jedem rational denkenden Menschen morgens das Frühstück versauen. Seien es nun also seine markanten, wenig durchdachten Reden, seine impulsiven, nicht minder wenig durchdachten Tweets oder seine Politik, die durch die endgültige Überwindung echter Inhalte auch das ZK der Partei Die PARTEI glücklich machen dürfte – John Oliver erklärt gewohnt treffsicher in knapp 20 Minuten alles, was man zum größten zeitgenössischen Brüllaffen der amerikanischen Politik wissen muss.

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Food for thought: Dr. Gad Saad über „How Political Correctness Limits the Free Exchange of Ideas on Campus“

by Kilian

Der GadFather – ein Vertreter der absoluten Vernunft, glorreiche Online-Persönlichkeit (I’m a GadFella), großartiger Gesprächspartner und rhetorisch auf Höchstniveau, doch zuvorderst immer noch Akademiker. Bereits in dem oben verlinkten Post vom September vergangenen Jahres fand dieser – meiner bescheidenen Meinung nach – höchst interessante Forscher, der sich mit „Evolutionary Behavioral Sciences and Darwinian Consumption“ beschäftigt, auf dieser Plattform kurz Erwähnung. Wer sich nach wie vor unter diesem Begriff nichts vorstellen kann, dem sei das folgende Video ans Herz gelegt – denn wer könnte es wohl besser erklären als der Herr Doktor selbst:

Doch um das „eigentliche“ Tätigkeitsfeld des GadFathers soll es an dieser Stelle gar nicht gehen, denn im Zentrum steht ein gänzlich anderes, aber brandaktuelles Thema: Political Correctness. In der aktuellen Staffel von South Park bereits grandios verarbeitet, ist dieses Sammelsurium aus Social Justice Warriors (SJW), radikalen Feministinnen, College-Kids im wahrsten Sinne des Wortes und einem ganzen Haufen Elemente mehr auf den Campussen Nordamerikas momentan das Streitthema der Stunde. Was dabei beunruhigt, ist die Tatsache, dass – ganz in US-amerikanischer Tradition (wink, wink) – die ganze Chose bisweilen Auswüchse hervorbringt, die absurder nicht sein könnten und bestimmte Aspekte sinnvoll geregelten Zusammenlebens tatsächlich zu gefährden drohen. Angefangen von Safe Spaces bis hin zu Professoren, die ob eines wütenden Mobs um ihren Job und ihre Existenz bangen müssen ist alles dabei – es wäre zum Lachen, wenn es nicht der Realität entspräche. In Bezug auf dieses Thema setzt sich Dr. Gad Saad, der an der Concordia University in Montreal beschäftigt ist, mit anderen Prominenten wie Joe Rogan, Dave Rubin oder Christina Sommers öffentlich für einen rationaleren Umgang mit diesen zweifelsohne wichtigen und zu adressierenden Themen auseinander und versteht sich ganz ausgezeichnet darauf, wenig fundiert argumentierenden Parolenschreiern und anderen Kretins den Spiegel vorzuhalten.

In dem Vortrag, welcher im Rahmen einer Vortragsreihe an der University of Ottawa gehalten und aufgezeichnet und im Anschluss über den YouTube-Kanal des GadFathers aka THE SAAD TRUTH (love it) veröffentlicht wurde, thematisiert er also die bisweilen bizarren Auswüchse übertriebener Political Correctness und ihrer Begleiterscheinung an US-amerikanischen und kanadischen Colleges und nicht nur dem gemeinen Westeuropäer sollte auffallen, dass einige dieser Vorfälle an Schwachsinnigkeit nicht mehr zu überbieten sind. Da ich der Meinung bin, dass jeder Trend aus den USA – for better or worse – zwangsläufig den Weg über den Atlantik schafft und in Europa Wurzeln schlägt, finde ich dieses Beispiel so interessant, weil es aufzeigt, wie hehre Ideale ad absurdum geführt werden können und welche Folgen das für die Gesellschaft im Ganzen haben kann.

Für die Input-Faulen unter euch gibt es auch einen erklärend illustrierten Ausschnitt aus seinem Vortrag, in dem er einige konkrete Beispiele zeigt, die eigentlich nur Kopfschütteln hervorrufen können. All jenen, die sich für so etwas interessieren, sei allerdings der Genuss der Vorlesung in voller Länge (ca. 40 Minuten, exklusive der Fragen der Zuhörer, Video am Ende des Posts) ans Herz gelegt, es lohnt sich wirklich!

In diesem Sinne: Begebt euch in eure Safe Spaces und genießt!

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Deutsch in Kaltland: Ein ganz normaler Januar

by Kilian

Würde man sich nach unserer nicht wirklich als stringent zu bezeichnenden, immerhin bereits vor über einem halben Jahr begonnenen Berichterstattung zu den Themen Rechtsextremismus, Refugees und Papa Staat und ihren Wechselwirkungen richten, könnte man glatt meinen, dass es irgendwie recht ruhig um diese drei Punkte der Tagesordnung geworden wäre.

Haha, das glaubt ihr doch selber nicht.

Auf unten eingebundener Karte seht ihr einen detaillierten, mit Presse- und Medienberichten fundierten Überblick über die Geschehnisse des Januars 2016 – eines einzigen Monats. Doch auch, wenn eine überwältigende Menge an Icons auf der Karte zu sehen ist, von denen jedes einzelne für eine Tat gegen Refugees, Journalisten, Politiker, Aktivisten oder Unbeteiligte steht: Dabei wurden explizit nur die Fälle aufgenommen, für die es belegte Quellen gibt – daher erheben die Ersteller der Karte (traurigerweise) auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Ohnehin ist jede dieser Markierungen eine zu viel. Diese Taten rangieren von Hakenkreuzschmierereien – die verständnisvollere Geister auch gegebenenfalls als Dummejungenstreiche abtun mögen – über Anschläge mit Pyrotechnik oder Steinen auf Flüchtlingsunterkünfte bis zu 200 randalierenden Nazihools in Connewitz im Leipziger Süden, „ganz zufällig“ während sich ein beinahe ebenso ekelhafter brauner Mob unter dem Banner von LEGIDA in der eigenen Beschränktheit und Deutschtümelei sonnte.

Und die Reaktionen auf dieses Klima in Deutschland? Asylrechtsverschärfung, Gründung einer Sächsischen Hilfspolizei mit ganzen drei Monaten Ausbildung, den Pistoleras von der AfD und ihrem Schießbefehl an der Grenze, einer Bundes-CDU, die mehr oder minder auf offenem Konfrontationskurs mit ihrem Juniorpartner geht und einer Sachsen-CDU, die sich in dem ganzen Gewimmel aus aus drei Buchstaben bestehenden Abkürzungen auch irgendwie näher an der AfD befindet. Ganz schön deutsch hier, in Kaltland.

via NO LEGIDA / Die Kentrail-Verschwörung