Arty Party: Das herbstliche Treiben auf der Kinoleinwand

von vctrl

Finally Backinthedaze.
Bevor am Ende noch einer denkt, unsere Redaktion sei inzwischen zwangsgeräumt worden, mache ich mich nun mal lieber an den Aufstieg, heraus aus der Schreibfäule des Sommerlochs, hinein in die neue Kinosaison.

Da geht es immerhin heiß her: Regie-Schwergewicht David Lynch erschafft ausnahmsweise mal keine neue (Albtraum-)Welt, sondern nimmt das Publikum unter Fremdregie mit in seine eigene. Sally Potter inszeniert ein herrlich ausartende Party in schwarz-weiß, die irgendwo zwischen Slapstick-Komödie und griechischer Tragödie endet, während hierzulande Arne Feldhusen, seines Zeichens Retter der deutschen Komödie, seine Protagonisten in Magical Mystery (nach dem gleichnamigen Roman von Sven Regener) durch die Techno-Szene der 90er jagt, und Margarete Kreuzer eine Dokumentation über Tangerine Dream abliefert.



David Lynch: The Art Life
(US/DK 2016, 88 min, Regie: Jon Nguyen)

In knapp 90 Minuten lässt der Exzentriker unter Hollywoods Filmregisseuren verschiedene Stationen seines Lebens mal verschmitzt, mal sehr nachdenklich Revue passieren und gestattet der Kamera einen Blick in sein Maleratelier. Regisseur Nguyen liegt erfreulicherweise nichts an einer chronologischen Abhandlung der vollständigen Künstlerbiographie, weshalb Lynch-Fans sich auf Anekdoten und Gedanken aus seiner frühesten Kindheit bis zum Durchbruch mit Eraserhead (1977) – mit dem die Dokumentation im Übrigen ihr Ende findet – freuen dürfen. Um seine Arbeit als Regisseur im Allgemeinen oder um den Entstehungsprozess einzelner Filme im Detail geht es dabei kaum, vielmehr entsteht hier ein filmischer Umriss von Lynchs Idee eines Lebens als Künstler.

Wer nun glaubt, The Art Life sei der Schlüssel zur Gedankenwelt des Großmeisters der Rätselhaftigkeit, liegt falsch – doch nimmt er seine Zuschauer zumindest mit auf einen kleinen Ausflug in den Kopf und die daraus hervorgehenden Bilder eines Mannes, der seit seiner Kindheit nicht anderes angestrebt hat als ein Künstlerdasein, und vor dessen Auge sich offenbar im Lauf seines Lebens ein paar äußerst kuriose Dinge zugetragen haben, die die einzigartige Ästhetik seiner Kunstwerke prägen.

David Lynch: The Art Life ist seit dem 31. August 2017 in den deutschen Kinos zu sehen.



The Party (UK 2017, 71 min, Regie: Sally Potter)

Janet (Kristin Scott Thomas) lädt ein. Es soll eine kleine Runde aus ausgewählten privaten und beruflichen Wegbegleitern werden, die sich in ihrer Londoner Wohnung versammelt, denn es gibt Grund zum Anstoßen: Janet ist zur Gesundheitsministerin ihres Schattenkabinetts gekürt worden. Was als unspektakulärer Abend geplant war und mit einem mürrischen Timothy Spall als Janets Ehemann Bill am Plattenspieler beginnt, gewinnt mit der Ankunft der restlichen Gäste, einem lesbischen Pärchen (Emily Mortimer und Cherry Jones), das Drillinge erwartet, sowie dem Esoteriker Gottfried (Bruno Ganz) mit seiner stichelnden Frau April (Patricia Clarkson) im Schlepptau, spätestens aber mit Cillian Murphy als Finanzyuppie Tom in schwachem Nervenkostüm so richtig an Fahrt.

Auf dem von Regisseurin Sally Potter selbst verfassten Drehbuch-Menü stehen unter anderem aktuelle und vergangene, nun ans Tageslicht beförderte Affären, eine tödliche Arztdiagnose, eine ordentliche Portion Feminismus, ein Haufen Kokain und nicht zuletzt: eine Waffe. Das irrwitzige schwarz-weiße Kammerspiel, das sich daraus entspinnt, mag anfangs nach etwas plakativen Figuren und irgendwie schon mal Dagewesenem anmuten, entfaltet schließlich aber doch in nur wenig mehr als einer Stunde seine volle inszenatorische Wucht mit einer ganz eigenen Dynamik, zu der sowohl das hochkarätige Ensemble als auch die hervorragende Kameraarbeit und der Schnitt beitragen.

Die politische Dimension – „Party“ ist in ambivalenter Bedeutung sowohl als Festlichkeit, wie auch als Partei zu verstehen – schwingt dabei stets, mal mehr und mal weniger, mit: „Alles ist zum Kreischen komisch, allein schon, damit man nicht weinen muss. Ein sinistres Vergnügen, dieser Film, den man sich in einem Endlos-Loop ansehen sollte, um nicht wieder bei den tristen Nachrichten aus London zu landen.“, schreibt Susanne Mayer in der ZEIT. Am Ende des Films muss sich wohl niemand mehr fragen, weshalb Sally Potters bissige und kurzweilige Tragikomödie zu den Publikumsrennern auf der diesjährigen Berlinale gehört hat.

The Party läuft seit dem 27. Juli 2017 in den deutschen Kinos.



Außerdem aktuell im Kino:

Dunkirk (US/GB/FR 2017, 106 min, Regie: Christopher Nolan)
Eine fantastische Frau – Una mujer fantastica (ES/DE/CL/US 2016, 104 min, Regie: Sebastián Lelio)
Magical Mystery (DE 2017, 111 min, Regie: Arne Feldhusen)
Revolution of Sound – Tangerine Dream (DE 2017, 87 min, Regie: Margarete Kreuzer)