Das neue Jahr beginnt irgendwo zwischen radikal und liberal: Der „Hassias“ steht zur Wahl

von vctrl

Der erste Post im neuen Jahr. Mit diesem Wissen überkommt mich direkt ein Hauch an Verantwortungsgefühl. Ganz unkommentiert kann man den Jahreswechsel ja nun auch nicht geschehen sein lassen.

Ich denke, so im Großen und Ganzen betrachtet, können wir froh sein, 2016 hinter uns zu haben. Obgleich ich mich nicht gerade zum Kreise derer zählen würde, für die jeder Jahreswechsel einen epischen Moment darstellt, der wochenlang im Voraus akribisch geplant werden muss – obwohl niemand ernsthaft erwarten kann, dass sich wie von Zauberhand mit dem Verstreichen einer einzigen Nacht am Jahresende überhaupt irgendetwas ändert, außer dass dem ein oder anderen bei Morgengrauen ein Körperteil fehlt –, würde ich unterschreiben, dass der Mensch ab und zu mal eine solche Zäsur braucht, um neuen Mut zu schöpfen. In einer Gesellschaft, die so verkommen ist, dass sie Neologismen wie „postfaktisch“ und „Sexmob“ entwickeln musste, um das, was in ihr vorgeht, zu beschreiben, gibt es offenbar noch einiges zu tun. Eine ordentliche Prise intrinsische Neujahrsmotivation à la „Neue Runde, neues Glück“ kann da kaum schaden. Uns steht schließlich mal wieder ein Wahljahr bevor.

Gleich zu Beginn trumpft die deutsche Politik bereits mit brisanten Neuigkeiten auf. Am 4. Januar teilte Die PARTEI auf ihrer Facebook-Seite ein Interview von n-tv mit ihrem diesjährigen Kanzlerkandidaten, der seine Kandidatur am 5. Dezember 2016 in Köln offiziell verkündet hat. Mit Serdar Somuncu stellt die von Martin Sonneborn geleitete satirische PARTEI einen Repräsentanten auf, der voll und ganz ihrem Stil entspricht: intelligent, feinsinnig, ironisch, provokant.

Wir werden vielleicht gelegentlich mal in aufreizender Montur auftreten, aber unsere Sexismen beziehen sich vor allem auf unsere politischen Gegner. Da werden wir genug Angriffsfläche haben. Frauke Poetry. Andreas Merkel, Comtessa Beatrice von Strolch…

Auf seinem Programm stehen u.a. die „verpflichtende Homo-Ehe“, eine „Kopftuchpflicht auch für Männer“ sowie ein „Internetverbot für Asoziale“, wie der designierte Kanzlerkandidat im Gespräch mit rap.de proklamiert. Auf die Frage der n-tv Redakteurin Judith Görs, was Serdar Somuncu und die PARTEI hinsichtlich ihrer provokanten Äußerungen denn eigentlich von der AfD unterscheide, antwortet er in gewohnter Schelmenmanier, er sei „noch populistischer und auch polemischer“. Tatsächlich hat er laut eigener Aussage Vertreter der AfD in seine Talkshow („So!Muncu“) eingeladen, welche allesamt nicht erschienen.

Auch das ist im Übrigen die Aufgabe dieses Hybrids aus Satire und Politik, den wir geschaffen haben: Debatten anzustoßen, damit daraus Politik entsteht.

In der AfD stieß man dagegen lieber Justizfälle an: sie verklagte Serdar Somuncu im vergangenen Jahr – wegen „Volksverhetzung“. Auch sonst hat der Mann offenbar nicht nur Freunde, wie die eigens eingerichtete, auf ein beachtliches Maß angewachsene „Klagemauer“ auf seiner Website somuncu.de unter Beweis stellt. Erst kürzlich wurde außerdem eine weitere Klage gegen ihn eingereicht, dieses Mal vonseiten des WDR, im Speziellen einer Redakteurin, auf „schwere Beleidigung“. Diskutiert wird nun laut F.A.Z., ob sein Pöbel-Kommentar in Richtung WDR-Redaktion während einer Podiumsdiskussion der Körber-Stiftung im Jahr 2015 („Diese Arschlöcher nehmen sich raus, im Namen der Gebührenzahler, uns zu zensieren. Und das war für mich die Keimzelle des Faschismus.“) aufgrund seiner Rolle als Satiriker anders zu bewerten sei als beispielsweise die Äußerungen eines Journalisten. Dass Satiriker keine Narrenfreiheit mehr genießen, ist mittlerweile ja nichts Neues. Dass sie sich gerade dann zu verantworten haben, wenn es um Pressefreiheit geht, leider auch nicht.

Serdar Somuncu ist grundsätzlich einer, der sich, während alles um ihn herum aufschreit und schleunigst nach links oder rechts huscht, an den Rand stellt, scharf beobachtet und schließlich in die Menge tritt, von wo aus er ihr absolut treffsicher alles entgegenschleudert, was er da sieht. Ein vielschichtiger Typ, der es in seinen Kabarettprogrammen (sein aktuelles und vorerst letztes: „H2 Universe: Die Machtergreifung“) schafft, sich eben noch genüsslich-provokant in Fäkaliensprache zu suhlen, und im nächsten Moment den Sprung zu einer tiefsinnigen Bemerkung über das aktuelle Weltgeschehen zu meistern, ohne diese ins Lächerliche zu ziehen. Die Unterscheidung von Satire und Ernst traut Somuncu seinen Wählern getrost zu:

Die Kraft, die wir vor allem repräsentieren, sind sehr viele junge Leute. Leute, die auch in der Lage dazu sind, zwischen dem, was wir meinen und dem, was wir sagen, zu unterscheiden.

Auch neben seinem Sturm auf das Kanzleramt ist der „Hassias“ (so sein in Kabarettauftritten selbstverliehener Titel) nun, nach Beendigung seiner Bühnenkarriere, im Übrigen reichlich aktiv, nicht nur im Fernsehen mit seiner eigenen Talkshow „So!Muncu“ oder Gastauftritten wie z.B. im „Neo Magazin Royale“. Seit September 2016 hat Serdar Somuncu mit seiner neuen rbb-Radiosendung „Die blaue Stunde“ (Link zum Podcast hier) die Nachfolge des sonntäglichen Nachmittags-Sendeplatzes von Schulz & Böhmermann auf radioeins angetreten, wo er sich einmal pro Woche, gelegentlich mit einem Studiogast, mit den unterschiedlichsten gesellschaftlichen und politischen Angelegenheiten befasst und dabei auch vor Boulevardthemen nicht zurückschreckt. Sprachlich passt sich der ehemalige „Hassprediger“ an sein neues Medium und dessen Publikum an: er geht in der „blauen Stunde“ deutlich weniger radikal und obszön ans Werk, als man ihn aus seinen Bühnenauftritten kennt, und punktet noch dazu mit seiner angenehmen Stimme. Dass von ihm in nächster Zeit noch einiges zu hören sein wird, steht zumindest außer Frage.

via Die PARTEIn-tv / rap.de / radioeins
Titelbild des Beitrags: © Heinrich Böll Stiftung

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