Backinthedaze.

Livin' la vida locker easy.

Monat: März, 2016

Straßenschäden im gesamten Gebiet: Sechs Monate Leipzig

by Kilian

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„Viele Kollegen machen sich vor, daß man zwar ein halbes Jahr lernen muß, um ein Schwein zu zerlegen, oder drei Jahre, um einen Anzug nähen zu können, daß aber jeder schreiben kann, sobald er etwas erregt ist.“ – Ernst Alexander Rauter

Ob meiner Schreibfaulheit und allgemeinen Gönnung im Semesterferienmodus ist es nun leider nicht mehr auf den Tag genau sechs Monate her, dass mich mein Weg von der unterfränkischen Provinz über Regensburg – genau genommen auch nichts anderes als oberpfälzische Provinz – letztendlich nach Leipzig geführt hat und an diesem Punkt, ein halbes Jahr in der Messestadt, sieht alles danach aus, als ob das zur Abwechslung eine grandiose Entscheidung war.

Das Lebensgefühl, das Stadtbild, die kulturellen Angebote, der wesentlich linkere Grundkonsens (der jungen Leute), die Clubs, mein Studium, kurz: Der Vibe Leipzigs hat bei mir genau ins Schwarze getroffen. Um einen sehr weisen Mann zu paraphrasieren: „This vibe is what gives the Leipzigers their power. It`s an energy field created by all living things. It surrounds us. It penetrates us. It binds Leipzig together.“

Da ich mich hier, wie bereits erwähnt zur Abwechslung, bisher wirklich pudelwohl fühle, ist es Zeit, die ersten sechs Monate in Klein-Paris einmal Revue passieren zu lassen. Sechs Monate, sechs Dinge, die ich an dir hassliebe. Ein bisschen was von beidem.

Die neue Hood: Detroitnitz

Meine neue Hood ist der erste Punkt, den ich in und an Leipzig lieben gelernt habe. Reudnitz, wie dieser schöne (oder dunkel-dreckige, je nachdem wen man fragt) Stadtteil heißt, habe ich zweifellos schon ins Herz geschlossen. Alte Industriegebäude, wunderbare Gründerzeitbauten, die Sternburg-Brauerei, die Nähe zur Innenstadt und zum Völkerschlachtdenkmal, der Lene-Voigt-Park vor meiner Haustür und, ganz im Gegenteil zu den 1990ern, wie ich hörte, gelebtes Multi-Kulti sind bisher für mich die ideale Mischung, mich in meiner neuen Umgebung wohl zu fühlen. Dass ich in einem dieser wunderbaren Gründerzeitbauten ein Zuhause gefunden habe, ist natürlich nur die Kirsche auf dem Eisbecher – darauf erstmal ein Sterni.

Das neue Bier: Sternburg

Ja, das gute alte Sterni. Nicht, dass mir das Bier vorher in irgendeiner Form unbekannt gewesen wäre, doch der weiß-rot gewandete Nektar hat diese bisherigen Wochen und Monate in Leipzig definitiv mit geprägt. War ich am Anfang durchaus noch ein Verfechter des Sternburg Export als reiner Notlösung, falls das Geld im Späti nicht für ein Chiemseer oder ein Budweiser reicht, so hat der Reudnitzer Gerstensaft in meiner Wahrnehmung durchaus eine Wandlung mitgemacht. Kartellmäßig in jedem guten Späti mit fairen 80 Cent bepreist (und in Supermärkten im Angebot oft für 40 Cent inklusive Pfand zu erstehen) und buchstäblich nur 500 Meter von meiner Haustür entfernt gebraut, macht das St. Ernburg süffig, würzig und im Preis-Leistungs-Verhältnis unschlagbar, in der edlen braunen NRW-Flasche eine extrem gute Figur.

Der neue Lieblingsclub: Institut für Zukunft

The IfZ is a Techno Club with a strong support of progressive and
emancipatory Ideas.
We welcome everybody to our club who likes the music we present, who
likes to dance to it, who has an open minded attitude and most of all
who respects the boundaries of others.
If your only concern is to get drunk or to find somebody to have sex
with, the IfZ is probably not the right place for you.
If you think it is OK to talk to people against their will or touch them
without their consent, the IfZ is definitely not the right place for
you.

Die Selbstbeschreibung des Instituts für Zukunft, gelegen im Kohlrabizirkus, einer ehemaligen Markthalle mit zwei imposanten Stahlbetonkuppeln, beschreibt schon recht gut, weshalb ich diesen Laden so großartig finde. Nicht nur die grandiose Silvesterfeierlichkeit hat mein Herz für diesen Club geöffnet, auch die Atmosphäre, der Vibe, das Interieur und nicht zuletzt die überragende Kirsch-Audio-Anlage machen jedes Mal den Besuch zum Erlebnis. Ein Hort des Hedonismus und der freien Entfaltung, der jeden, der sich darauf einlässt, zweifellos zum Schwärmen bringt. Ein darüber hinaus in den meisten Fällen grandioses Booking, dank dessen ich beispielsweise schon Künstler wie Stenny, Andrea, I/Y oder Blind Observatory (um nur einige zu nennen) hören durfte, macht das IfZ nach wie vor zu meiner ersten Wahl der abendlichen Wochenendgestaltung und ich freue mich schon wie Bolle auf weitere schlaflose Nächte in den heiligen Hallen.

Der neue Montag: Braune Soße

Auch das ist eine Seite von Leipzig, die ich kennen lernen durfte: Die Allgegenwärtigkeit von Grenzdebilen wie LEGIDA, der Offensive für Deutschland, randalierenden Hools und vielem mehr. In meiner Zeit bisher kam es unter anderem zum weit über die Leipziger Stadtgrenzen hinaus Wellen schlagenden 12. Dezember – wir berichteten – und dem nicht minder die Schlagzeilen bestimmenden Nazi-Angriff auf das Leipziger Viertel Connewitz während einer LEGIDA-Demonstration in der Innenstadt im Januar.

Doch Hoffnung macht der lautstarke und bunte Gegenprotest, der Faschisten wie rechtsextremen Hetzern und potentiellen Schreibtischtätern bei jeder Gelegenheit entgegenkommt. NO LEGIDA, Leipzig nimmt Platz, …ums Ganze! oder the future is unwritten sind dabei nur einige innerhalb einer breiten – nein, für die Sachsen-CDU hat es noch nicht gereicht – Menge an Gegendemonstranten, die den Brownies das Leben schwer machen. Ich habe es beileibe nicht jeden Montag zu NO LEGIDA geschafft, doch bin froh, in einer Stadt gelandet zu sein, in der ich mit meiner Meinung zu Rechten aller Couleur (welch feine Ironie) nicht alleine stehe.

Der neue Feuilletonshit: Nachtleben, Musik, Kultur, artsy Stuff

Was mir in meinen späteren Jahren in Regensburg so zu Schaffen machte und schlussendlich auch defintiv einer der Faktoren meines Tapetenwechsels war, war das Gefühl in einer Stadt zu wohnen, in der es nicht vorangeht. Stagnation. Frustration. Depression. Abfuck. Wenn sich in den eigenen Interessens- und Lebenssphären über einen längeren Zeitraum hinweg offenbart, dass man – Bemühungen und tatkräftigem Support an diversen Stellen zum Trotz – sich insgesamt als Stadt, als Szene, als Kulturmikrokosmos auf der Stelle bleibt, kann Anfangseuphorie zügig in handfesten Frust umschlagen. Anders allerdings hier in Leipzig, in meiner nicht ganz so bescheidenen Meinung. Selbst in meinem ersten halben Jahr hier und bei Weitem nicht so oft die eigenen vier Wände für kulturellen Input verlassend, wie ich mir das vorgenommen hatte, hat ein Potpourri an Möglichkeiten mich nicht nur einmal vor Schwierigkeiten in der (meistens) Abendplanung gestellt. Sei es nun nicht zuletzt auf der einen Seite das Nachtleben mit einem oft beeindruckend breit gefächertem Spektrum an Musik, Filmvorführungen, Lesungen und vielem mehr oder auf der anderen Seite die Auswahl an Ausstellungen, Workshops, Märkten, Buchläden, Plattenläden (s/o an die Jungs vom VARY an dieser Stelle) und zahlreichen anderen Angeboten – es ist tatsächlich immer was los. Und, ohne das Domstadt-Bashing jetzt zu weit zu treiben: Insgesamt macht vieles hier einfach einen originäreren Eindruck als das an der Donau der Fall war und ist.

Die neue Stadt: Das Gesamtpaket

Klingt cheesy, ist es wahrscheinlich auch ein bisschen. Aber es stimmt wirklich! Bisher spüre ich, dass dieser Umzug und zu einem überragenden Teil eben auch Leipzig für mein allgemeines Wohlempfinden eine großartige Entscheidung waren. Noch dazu ist Leipzig unglaublich flach, was noch den unmotiviertesten Slacker wie meine Wenigkeit zum Radfahrer werden lässt – ein Pluspunkt, den ich über alle Maßen schätzen gelernt habe. Auch die Größe der Stadt schwingt positiv mit, irgendwo auf dem Weg zur Großstadt. Und ich schaffe mir langsam, Schritt für Schritt, mein kleines bisschen Großstadt hier, das mir Tag für Tag mehr Spaß macht.


Zum Abschluss sei nur noch gesagt, wie sehr ich eigentlich Listicles hasse, aber ob anhaltend fehlender Kreativität keinen anderen Weg gefunden habe, dieses kleine Resümee zu strukturieren und auch nur annhähernd zeitnah zu veröffentlichen, mea culpa, hare Krishna. Das war’s jetzt wieder für ein halbes Jahr mit der BuzzFeed-Kacke.

Bild: Ausschnitt aus Zentralstadion Leipzig Skyline von MatthiasX1 via Flickr // CC BY-SA 2.0

Ricardo Villalobos – What You Say Is More Than I Can Say (Edit) (2003)

by Kilian

Ricardo Villalobos ist kaum jemand, zu dem man noch viele Worte verlieren muss. Exzentrischer, über alle Zweifel erhabener Altmeister der elektronischen Musik, Resident im legendären Omen und Ibiza-Dauerbrenner, der Mann, für den sogar im Berghain gefilmt werden darf – achja, großartige Musik produziert er auch noch selber. Der Deutschchilene / Chiledeutsche (er hat beide Staatsbürgerschaften) gehört seit Jahrzehnten zu den glanzvollsten Figuren der elektronischen Musikszene und seine zuweilen obskuren Auftritte, seine Liebe zu jedweden Rauschzuständen und ein Faible für ins Ewige elongierte Tracks sorgen seit jeher für reges Interesse an ihm und eine Menge Gesprächsstoff. Parallel dazu stehen mittlerweile sieben Alben und über 40 EPs seit 1996 zu Buche – der Mann weiß, was er tut.

Die vorliegende Nummer stammt von seinem ersten Longplayer, dem Album „Alcachofa“ – zu deutsch Artischocke – aus dem Jahr 2003, veröffentlicht über das Frankfurter Label Playhouse. Die Nummer findet sich auf der CD-Version des Albums und ist ein etwas kürzerer Edit des im vorangegangen Jahr auf der 12″ „Halma“ releasten Tracks. „What You Say Is More Than I Can Say“ ist eines dieser Stücke, das den Hörer – so er entweder a) nichts für elektronische Musik übrig hat (Stichwort: mach die Scheiße aus)  oder b) es denn zulässt – langsam, aber sicher auf wunderbare Weise in den Wahnsinn treibt. Die hypnotische Bassline, antreibende Claps, verzerrte, wohldosierte Vocals und ein exzellent verspultes Klangbild verschmelzen zu einem Track allererster Güte. Ein Track wie der Blick von Ricardo Villalobos: Spulig, durchdringend, ekstatisch.

via Robert Johnson

Hyperid: Nike Air Max 1 x Packer Shoes „Dirty Buck“

by Kilian

Es ist ein trauriges Dasein, das jener führt, der eine kaum stillbare Liebe zu stilvollem Schuhwerk in sich trägt, dessen Budget für solche Kleinode allerdings gegen null geht. Neue Releases wunderschöner Fußkluft Wochenende für Wochenende, doch der Hype – der ja bekanntlich früher oder später seine Kinder frisst – geht Hand in Hand mit Campouts, superlimitierten Online-Drops und dem Resale-Markt. Doch bei dem nun folgenden Beispiel können sich die, denen es so geht wie dem Autor dieser Zeilen, wenigstens ein kleines Bisschen über Gerechtigkeit freuen, denn auch die hervorragendsten Sammler werden ihn nie ihr Eigen nennen dürfen: Er ist ein reines Fantasiegebilde.

Einer der am sehnlichsten antizipierten Releases des vergangenen Jahres, dem Jubiläumsjahr zu 25 Jahren Asics Gel-Lyte III, war der „Dirty Buck„, entstanden in Kooperation mit Packer Shoes aus Teaneck, New Jersey. Das seit 1907 bestehende, erwachsen gewordene Familienunternehmen bezieht seine Inspiration für den Schuh hier von den klassischen Anzugschuhen desselben Namens. Hochwertiges Material und eine vollendet stilvolle Farbpalette sorgen nicht zuletzt für die Begierde zahlloser Sneakerfreunde und für Resale-Preise von nicht selten über 600 Euro.

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/// Bild via SNEAKER FREAKER

Doch wie nun eine kleine, aber sehr feine Designstudie von The Golden Shape beweist, würde die überragende Komposition aus New Jersey auch dem Nike Air Max 1 ganz wunderbar zu Gesicht stehen. Auf der zeitlosen Silhouette aus Beaverton machen die verschiedenen Erdtöne und die markante rote Sohle eine ganz formidable Figur – auch wenn in diesem Fall das Original doch definitiv den Zuschlag bekommt. Seht mehr von The Golden Shape bei Facebook.

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via Schuh Spanner

Chet Baker – The Thrill Is Gone (1953)

by Kilian

Mußenkuss, der – Moment bedürfnisloser Glückseligkeit beim verdienten Prokrastinieren; perfektes Zusammenspiel aller möglicher Faktoren, die den Menschen der Tatsache gewahr werden lassen, wie süß das Nichtstun doch gerade ist. (siehe: –> Musik, die | –> Cannabis, das | –> Sofa, das)

Die Hausarbeit liegt fertig als PDF auf der Festplatte, die Prognose für den Rest der Semesterferien ist nichts als freie Zeit, die Bude ist aufgeräumt, duschen war man auch schon… – sich nach abgearbeiteten Verpflichtungen guten Gewissens auf die faule Haut zu legen, ist etwas Wunderbares. Der Kenner flicht noch gemütliche Gewandung, ein wenig smoothen Jazz und etwas Sativa mit ein und schon beweist man Savoir-vivre par excellence.

The Thrill Is Gone“ ist mehr oder minder prädestiniert, den stilvollen Müßiggänger musikalisch zu begleiten: Die wehklagende Trompete von Chet Baker, Russ Freeman am Piano, die sanfte Zurückhaltung Larry Bakers an den Drums und der wohlig-warme Bass von Carson Smith verschmelzen auf diesem Stück aus den 1950ern zur Definition von „mellow“. Veröffentlicht 1953 auf dem Album „Chet Baker Quartet featuring Russ Freeman“ über Pacific Jazz Records, fiel der Release in die beginnende Heroinabhängigkeit des Namensgebers – womöglich auf der Suche nach dem verloren gegangenen Thrill. Doch auch unabhängig von Opiaten fällt es dem Connaisseur nicht schwer, sich zu dieser Musik von der Muße küssen zu lassen.

(Direktlink)