Guter Stoff: „Verhaltenslehren des Vergnügens. Zur Zeitgeschichte der Party“ von Bodo Mrozek

von Kilian

Beim Tanzen auf Privatpartys fänden «manche Damen» es «besonders apart, dabei die Schuhe auszuziehen», bemerkten merklich befremdet die Autoren des Benimmbuchs. Dagegen sei jedoch nichts vorzubringen, denn die Party sei «nun mal das ‹schwarze Schaf› der Etikette. Erlaubt ist, was gefällt, das heißt, was den Partygästen gefällt und zu ihrer Art passt.»

Heutige Perspektiven auf die Party als Ganzes und ihre zahllosen Auswüchse in Populär- und Subkulturen lassen solch eine biedere Herangehensweise an den Themenkomplex teils mindestens mäßig witzig erscheinen, doch parallel dazu muss man sich nur des sehr jungen Konzepts der Party bewusst werden, um ihren kometenhaften Aufstieg in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nachvollziehen zu können: Von Jugendlichen, die für das Tanzen in Kinos und öffentlichen Plätzen unter Benutzung von Wasserwerfern und Schlagstöcken festgenommen oder vertrieben wurden, zu tagelanger drogeninduzierter Ekstase (mit ortsabhängig variierenden Graden der Toleranz) zu Bässen aus der Hölle oder durchkommerzialisierten Imitationen des Ganzen und all das im temporellen Äquivalent einer feuchten Flatulenz für das Universum – in der Tat beachtlich.

Ähnlich weit spinnt Bodo Mrozek, Autor, Journalist (Welt, NZZ u.a.) und Historiker aus Berlin, den Faden in seinem vorliegenden Text, fundiert und stringent erklärt der Autor des „Lexikon der bedrohten Wörter“ eine kurze Geschichte der Party von ihren Anfängen in der Nachkriegszeit über züchtige Jugendbelustigung bis 23 Uhr bis hin zum Unglück der Duisburger Love Parade 2010. Veröffentlicht wurde der Text, „Verhaltenslehren des Vergnügens. Zur Zeitgeschichte der Party“ in der Zeitschrift für Ideengeschichte, die in der Regel 14 Euro kostet; Mrozeks Text allerdings steht als vorweihnachtliches Präsent zum kostenlosen Lesen und Download bereit. Elf höchst empfehlens- und lesenswerte Seiten zu einem Phänomen, das nicht nur die Bundesrepublik noch eine ganze Weile beschäftigen wird.

Der Text steht nach einem Klick aufs unten stehende Bild kostenlos online zur Verfügung.

Ein Beamter des Jugendamtes etwa hielt die in Jazz-Clubs praktizierten Tänze für «kaum zu beschreiben», versuchte es aber dennoch: «ein verrücktes Gestampfe und Gehopse, bei welchem die Beine in artistischer Gewandtheit bewegt werden». Schlimmer noch war der Umgang mit den Tanzpartnerinnen, denn sie schienen den Tänzern «im Ganzen nur Werkzeug zu sein» und wurden beim Partnerwechsel «einfach stehen gelassen». Dazu waren «Verbeugungen und derartiges Verhalten (…) außer Kurs gesetzt, Haltung, Charme und Eleganz sind Fremdwörter».

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via Berlin Mitte Institut